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LcssingS Briefe, 1763,
die ich damahls in Gedanken hatte, wäre so gelehrt nicht gewesen.Die eine Seite hatte einen Adler gezeigt, von mehr als einer Ratterumschluiigcn. Unvermögend sich ihrer aller zu eiuwchren, kömmt ihmaus den Wolken ein Strahl des Jupiters zu Hülfe, der die gewal-tigste ihm von der Brust schlägt, mit der Ucberschrift: IXvtZug via-ilice llignus. Auf der andern Seite hätte man um das Brustbilddes Kaisers gelesen: veus ex maclima. Denn was war der unglück-liche Mann anders, als ein armseliger Trilagonist, auScrschen in derLarve eines Gottes den ungeschickten Knoten eines blutigen Schau-spiels zu zerschneiden? Er spielt seine Rolle so so, und fährt wiederhinter die Scene und ist vergessen.
Wenn ich endlich einmahl Zeit bekomme, liebster Freund, Ihnenmeine Anmerkungen über Ihre philosophischen Schriften mitzutheilen:so können Sie leicht glauben, daß ich mich anch des seltsamen Men-schen °) darinn annehmen werde. Ich habe eine Menge Sophisicrcycnüber das Spiel auszukramen. Das fehlte noch, werden Sie sagen.Allerdings; denn das Pharao für sich ist so gedankenlos, daß mansich doch mit etwas dabey beschäftigen muß. Unter andern bin ichdahinter gekommen —
Aber lassen Sie mich nicht vom Spiele, sondern von Spinoza noch ein Paar Worte mit Ihnen plaudern. Ich muß Ihnen geste-hen, daß ich mit Ihrem ersten Gespräche seit einiger Zeit nicht mehrso recht zufrieden bin. Ich glaube, Sie waren damahls, als Siees schrieben, auch ein kleiner Sophist, und ich muß mich wundern,daß sich noch niemand LeibnitzenS gegen Sie angenommen hat. °°)
Sagen Sie mir, wenn Spinoza ausdrücklich behauptet, daßLeib und Seele eines und ebendasselbe einzelne Ding sind, welchesman sich nur blos bald unter der Eigenschaft des Denkens, bald un-ter der Ausdehnung vorstelle, (Sittenlehre Th. II. §> ISli,) was füreine Harmonie Ihnen dabey hat cnifaUcn können? Die größte, wirdman sagen, welche nur seyn kann; nehmlich die, welche das Dingmit sich selbst hat. Aber heißt das nicht mit Worten spielen? DieHarmonie, welche das Ding mit sich selbst hat! Leibniy will durchseine Harmonie das Räthsel der Vereinigung zweyer so verschiedenenWesen, als Leib und Seele sind, auslösen. Spinoza hingegen siehtnichts Aerschiednes, sieht also keine Vereinigung, sieht kein Räthsel,das aufzulösen wäre.
Die Seele, sagt Spinoza an einem andern Orte, (Th. II.
*) M. f. Lcssiiigs Leben, Th. I. S. 2Z2, Nicolai-") Mit den, Folgenden vergleiche man Band xi, S> 112.