LcssingS Briefe. 1764.
erhalten; und nichts hätte »lir angenehmer seyn können, als die un-erwartete Versicherung, daß sich auch Ew. :c. meiner noch erinnern,und mit einer Art des Zutrauens erinnern, welches mir um so vielschmeichelhafter sehn muß, je weiter mich meine jetzigen Umstände vonallein, was Gelehrsamkeit heißt, unglücklicher Weise entfernen. Ichmüßte indeß aber auch alle Liebe zu den Wissenschaften verloren ha-ben, wenn mir die Arbeiten eines Mannes von so viel Geschmackund Einsicht, als ich bey dem neuesten Ausleger des TibulluS gefun-den, gleichgültig seyn könnten. ApolloniuS ist ein Dichter, dem ichlängst eine brauchbarere Ausgabe gewünscht habe, und ich freue mich,daß sie in solche Hände gefallen. Ein Manuscript von ihm ist wirk-lich auf der hiesigen Bibliothek zu St. Elisabeth vorhanden. Beyle-gende Antwort des Herrn Reclor Arletius überhebt wich der Mühe,es Ihnen wcitläuftig zu beschreiben. Es ist sehr neu; aus der Mittedes IZtcn Jahrhunderts, von der Hand des Padnanischen Medicus,Nicolaus de passara. Es ist ohne den Scholiastcn, aber hin undwieder zwischen den Zeilen mit einer Glosse. Die Hand ist leserlichund ziemlich corrcct; mir hat der Abschreiber, wie ich im Durchblät-tern gefunden, nicht selten den poetischen Dialekt vernachlässiget, nnddadurch das Sylbcnmaß öfters verstümmelt. So schreibt er z. E.(1 B. F. 19) ^)>->v ^.K^,«^? anstatt «a.»^--,v. — Herr
Arletius, wie ich weiß, wird cS Ewr. Hochedelgcborcn nicht schwermachen, das Manuscript selbst zu erhalten. Sollten Sie es aber,nach unsrer Beschreibung, nicht für werth achten, es so einen weitenWeg kommen zu lassen, so ist er crbötig, es mit aller Sorgfalt zuvergleichen. Auch ich würde mich mit Vergnügen zu dieser geringenArbeit erboten haben. Sonst findet sich noch in eben derselben Bi-bliothek die erste Florcntinischc Ausgabe des Dichters, aus deren Ge-brauche ich mir fast mehr versprechen wollte, als aus dem Manu-skripte selbst. — In dem nehmlichen Bande, welcher dieses Manuscriptenthält, ist auch eins von den ArgonauliciS des Orpheus . Wie sehrwünschte ich, daß auch diesem Gedichte Ew. :c. wegen des verwandtenInhalts, einen kritische» Blick schenken wollten. «Lschenbacho Arbeitdarüber ist mir immer sehr mittelmäßig vorgekommen; es wäre denn,daß er in der zweyten Ausgabe, die ich versprochen finde, aber niegesehen habe, etwas Besseres geleistet hätte. Die erste FiorenrinischeAusgabe des Orpheus, welche gleichfalls hier ist, hat geschriebeneNaudgloffen, die vielleicht von Gelang seyn dürften. — Eine deutscheUebcrsctzung des Apollonius würde allerdings eine Zierde unsrer Lit-teratur seyn. Wer aber soll sich daran machen? Unsere witzigcu
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