164
LcssingS Briefe. 1764.
Köpfe sind meistens schlechte Griechen, und unsere guten Griechen sindmeistens — Wie muß mau einen Rciskc nennen? Um des Himmelswillen, was für einen Dcinosthencs giebt uns dieser Mann! WollenSie, daß Ihren Apollonius nicht vielleicht ein gleiches Schicksal treffe:so erfüllen Sie un§ Ihren Wunsch selbst. Diese Arbeit ist eben sowenig über Ihre Kräfte, als uuter Ihrer Würde. Der Kritiker, derdie Schönheiten eines Alten aufklärt und rettet, hat meinen Dank;der aber von ihnen so durchdrungen, so ganz in ihrem Besitze ist, daßer sie seiner eignen Zunge vertrauen darf, hat meinen Tank undmeine Bewunderung zugleich. Ich erblicke ihn nicht mehr hinter, icherblicke ihn neben seinem Alten.
Ich verharre mit der vorzüglichsten Hochachtung, und in der an-genehmen Hoffnung, öfter mit Dero Zuschrift beehrt zu werden,
Ewr:c.
An Ramlcr.
Liebster Freund,
Tausend Dank für Ihre besorgsame Freundschaft! — Krank willich wohl einmal seyn, aber sterben will ich deswegen noch nicht. Ichbin so ziemlich wieder hergestellt; außer daß ich noch mit häufigemSchwindel beschwert bin. Ich hoffe, daß sich auch dieser bald verlie-ren soll; und alsdann werde ich wie neugeboren seyn. Alle Verän-derungen unsers Temperaments, glaube ich, sind mit Handlungen un-serer animalischen Oekcnomie verbunden. Die ernstliche Epoche meinesLebens nahet heran; ich beginne ein Mann zu werden, und schmeichlemir, daß ich in diesem hitzigen Fieber den letzten Rest meiner jugend-lichen Thorheiten verraset habe. Glückliche Krankheit! Ihre Liebewünschet mich gesund; aber sollten sich wohl Dichter eine athletischeGesundheit wünschen? Sollte der Phantasie, der Empfindung, nichtein gewisser Grad von Unpäßlichkeit weit zuträglicher seyn? Die Ho-raze und Ramlcr wohnen in schwächlichen Körpern. Die gesundenTheophile") und Lesfinge werden Spieler und Säufer. WünschenSie mich also gesund, liebster Freund; aber wo möglich, mit einem
*) Lessing meint Thcophilus Do'bbclin, den breitschultrigen Schauspie-ler. Nicolai.