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12 (1840)
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LessingS Briefe, 1760.

ben, ob mir schon nur ein sehr dunkles Bild davon beywohnet. Aberauch ohne ein dergleichen deutlicheres Bild, hat, seit Dero erstem Ein-tritte in die gelehrte Welt, Ihr blosser Name jederzeit meine ganzeAufmerksamkeit an sich gezogen. Ich glaubte Ihre Schriften als dasWort eines alten Freundes betrachten zu dürfe»; und urtheilen Sieselbst, ob die rühmlichen Erwehnungen, die ich von mir darin zu fin-den das überraschende Vergnügen hatte, mich in dieser Vorstellungbestärken können. Ich bekenne eS; sie hätten, diese schmeichelhafteErwehnungen, mir eine Einladung seyn sollen, mich Ihnen wiederumzu nähern, und den ersten Schritt zu thun um einer gleichsam ange-bornen stillschweigenden Freundschaft das Siegel der Erklärung aufzu-drücken. Ich würde eS auch neulich, bey Gelegenheit meines LaokoonSgethan haben; allein ich befürchtete, mein Nricf mochte mehr eineschriftstellerische Empfehlung, als eine freundschaftliche Aeusserung scheinen.Kurz, eS war Ihnen aufbehalte», mir auch hicrinncn zuvorzukommen.

Ich verspreche meinem Laokoon wenig Leser; und ich weiß eS,daß er noch weniger güllige Richter haben kann. Wenn ich Bedenkentrug, den einen davon in Ihnen zu bestechen: so geschah eS gewißweniger aus Stolz, als aus Lchrbegierde. Ich habe Ihnen zuerstwidersprochen; und ich würde sagen, es sey blos aus der Absicht ge-schehen, mir Ihre Widersprüche ohne allen Rückhalt zu versichern,wenn ich glaubte, daß ein rechtschaffner Mann erst gercitzet werdenmüßte, wenn er nach Ueberzeugung sprechen sollte. Der häßlicheTyersites soll unter uns eben so wenig Unheil stiften, als ihm vorTroja zu stiften gelang. Schreibt man denn nur darum, um immerRecht zu haben? Ich meyuc mich um die Wahrheit eben so verdientgemacht zu haben, wenn ich sie verfehle, mein Fehler aber die Ursacheist, daß sie ein anderer entdeckt, als wenn ich sie selber entdecke. Mitdiesen Gesinnungen kann ich mich auf Ihr ausführliches Urtheil inden ^olis liUoi-. nicht anders als freuen.

Eben so sehr freue ich mich auf Ihren neuen Eommentar überden TyrtäuS, so wie auf Ihre übrige gelehrte Arbeiten. Aber solltesich ein Gelehrter über die Bedcnklichkeilcn, uuS den ganzen Stratomitzutheilen, nicht hinwegsetzen können? Was kann darin» vorkommen,was wir nicht schon in zwanzig allen Schriftstellern gelesen? Zu demwürde daS Griechische dem ctwanigcn Aergernisse die Schranken engegenug setzen, wenn das Freyste ohne Ucbcrsctzung und Anmerkun-gen bliebe.

Ich reise in einigen Tagen nach Pyruiont, und denke wenigstensmeinen Rückweg über Halle zu nehmen. Ich bitte um Erlaubniß,