Lcssings Briefe. 1767.
ahm nicht so hingehen lassen wirst. Thue wenigstens Dein Mög-lichstes, daß ick, das Heldenbuch wieder bekomme.
Wie steht es mit meinen Sachen? Ich will doch hoffen, das; sieabgegangen sind? Ich kann weder eher in Ordnung noch in Ruhekommen, als bis ich meine Bücher um mich habe.
Ich logiere hier bey dem Herrn Commissionsrath Schmid, aufdem Brocke, wohin Du künftig Deine Briefe adrcssiren wirst.
Das erste und vornehmste, was ich Dir nunmehr aufzutragen
Lessingcn einst vorhielt, das; er jenem so manches, vornehmlich seine Kleider,in Verwahrung ließe, weil er sich leicht derselben bediene», auf die Postsetzen, oder sonst auf eine Art damit auf und davon machen könnte; erwie-derte Lessing ihm unbesorgt: er kann liieinc Kleider nicht anziehen; er istnoch ein paar Kopf großer als ich. Dieser Soldat, wie man am Ende er-fuhr, war aus Straßburg , der Sohn eines Hauptmanns, hatte einen andrenim Duelle erstochen, und bei seiner Flucht aus Straßburg eine Bürgcrstoch-tcr mitgenommen. Nach vielem Hin- und Hcrstrciscn gcricth er preußischenWerbern in die Hände, welche ihm versprachen, das; er bald Officier werdensollte. Er lachte aber, und sagte ganz offenherzig: er wußte wohl, daß ernichts als Ecmcincr würde. Verspräche mau ihm aber einen Trauschein, sowäre er bereit. Den versprach und gab man ihm. Er hatte übrigens nichtdas Windige und Leichtsinnige von denen, nach welchen man gewöhnlich denFranzösischen Charakter schildert: vielmehr war er gesetzt, verschlossen und mitden Worten äußerst sparsam; auch ein guter Soldat, aber zu den grobenArbeiten etwas zu sein gebildet. Lessing konnte noch weniger über ihn klage»;nur kam ihm zuweilen Geld weg, und einstmals fand er in seinem Schrcib-kalcnder (denn damals halte er einen) alle die Striche, wenn er ihm sei»Monathsgeld gegeben, ausgekratzt. Ma» bcmcrktc viele solche Streiche vo»Reich, ohne einen auf ihn bringen zu können. Als Lessing schon über vier-zehn Tage von Berlin weg war, kam Reich zu mir, und verlangte seinenLohn von zwei Jahren, als so lange er bei meinem Bruder gewesen. DerHauptmann und der Feldwebel sahen die Unverschämtheit dieser Forderungein; der General aber wollte eine» der verdientesten Leute von seinem Regi-ment, das ist einen der schönste» und größten, nicht unterdrückt wissen, unddie Sache wurde den Negimcntsgcrichlcn übergeben. Nichts brachte den Fran-zosen aus seiner Fassung, als da man ihm vorstellte, daß, wenn Lessing schwöre, ihn monatlich ordentlich bezahlt zu haben, er Spießruthcn lause»müsse. R. G, Lessing. Lcssings Bibliothek war damals so groß, daß alle Wändein seiner Wohnung mit Ncposilvricn besetzt waren. Daher stand vor Einem Nc«positorium ei» Bette. Hinter demselben hatte der Aufwärtcr unvermerkt diedahinter stehende» Bücher weggenommen, und als Makulatur in einen But-tcrlcllcr verkauft. Unglücklicherweise war darunter das Ercmplar des Hel-deiibuchs, worin Lcssings vortreffliche Annierkuttgen eingelegt waren. Nicolai.