Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
190
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190 Lcssings Briefe, 17»>8.

meynen Sie, daß meine Dramaturgie noch so ziemlich nach diesenBriefen schmeckt?

Leben Sie wohl, liebster Frennd, und schreiben Sie mir bald ein-mal, und recht viel Neues.

Ihr

ergebenster Freund,Lcssing.

An Gcrsle»bcrg.°)

Hamburg , den 25 Februar 17l>8-vw. Hochwohlgcboren -

erste Zuschrift hat mich ans eine so angenehme Art überrascht, daßes mir damit gegangen, wie dem Kinde, dem man unverhofft ein Ge-schenk wacht, nach welchem es sich längst gesehnt; vor lauter Freudenvergißt es, steh dafür zu bedanken. Ich verdiene so viel zuvorkom-mende Freundschaft nicht: aber um so mehr verdiene ich den Verweisdes zweyten Briefes. Was kann ich weiter darauf antworten? Ichbin von jeher ein sehr nachlässiger Bricfschreiber gewesen; ich bin un-ter allen meinen Freunden dafür bekannt; desto besser, daß mich auchder Hr. von G. je eher je lieber dafür kennen lernt! Doch wenndiese Entschuldigung ein wenig zu leichtsinnig klingt; hier ist eine ernst-haftere, und die wahre. Ich fand gleich auf Ihren ersten Brief soviel zn antworten, und über Dinge, die mir nicht gleichgültig stnd,daß ich mir Zeit dazu nehmen mußte. Ich wartete auf einen ruhi-gen und heiteren Augenblick; und diefe Augenblicke sind jetzt beymir so selten!

Wenn ich Ihnen bloß zu versichern gehabt hätte, wie sehr mirIhr Ugolino gefallen, und was für eine große Idee er von demGenie seines Verfassers bey mir zurück gelassen: so hätte ich mich nurhinsetzen und schreiben dürfen. Was man so lebhaft empfunden, wirdeinem so leicht zu schreiben, daß man geschwinder den Anfang, alsdas Ende findet. Sie haben ein Sujet gewählt, dessen Contertur sichaller dramatischen Form zu verweigern scheint: aber es hat müssenwerden, was Sie gewollt haben. Sie haben Schwierigkeiten über-stiegen, die mich zur Verzweiflung gebracht hätten. Der körperliche

*) Im Znlelligcnzblatt der Zcnaischen allgemeine» Litteraturzeitung vomI. 1805, N. SS. 67. 68.

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