Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
212
Einzelbild herunterladen
 

212

Lessmgs Briefe. 17K8 .

An Moses Mendelssohn .

Hamburg , den 5. Nov. 17K8.

Bester Freund!

Fehler, die zur Natur geworden/ entschuldigt niemand, verlangtauch niemand entschuldigt zu hören. Ich thue also, als ob diesesnichts weniger, als der erste Brief wäre, den ich aus Hamburg anSie schreibe. Sie werden von Nicolai erfahren haben, was ich Wil-lens bin. Ich hoffe, Ihren Beyfall zu haben. Wenigstens bin ichgewiß, daß er mir nicht entstehen würde, wenn ich Ihnen alle meineBewegungsgründe mittheilen könnte und wollte. Ob ich hier oderda bin, daran ist so Wenigen so wenig gelegen, und mir amallerwenigsten! Das Halbdutzend Freunde, das ich ungern verlasse,hoffe ich auch in der Ferne zu behalten und zu nutzen.

Ich will jetzt schon anfangen, Sie aus der Ferne besser zu be-nutzen, liebster Freund. Hr. Eberhard hat mir gesagt, daß Siemit meiner Erklärung des Schreckens bey Aristoteles nicht zufriedenwaren. Ich fürchte, Sie werden mit mehr Dingen nicht zufriedenseyn, die ich so hingeschrieben habe, ohne Sie zu Rathe zu ziehen.Er fügte hinzu, daß Sie auch etwas darüber aufgesetzt hätten. SchickenSie mir das doch ja. Ich gehe in allem Ernst mit einem neuen Kom-mentar über die Dichtkunst dcS Aristoteles, wenigstens dcSienigcnTheils, der die Tragödie angeht, schwanger.

Ich sage Ihnen dieses auch darum, daß Sie nicht glauben, daßich mich aufS künftige lediglich unter den Alterthümern vergraben will.Ich schätze daS Studium derselben gerade so viel, als es werth ist:ein Steckenpferd mehr, sich die Reise des Lebens zu verkürzen. Mitallen zu unsrer wahren Besserung wesentlichen Studien ist man sobald fertig, daß einem Zeit und Weile lang wird.

Leben Sie wohl, bester Freund. Wenn ich mehr schreiben wollte,könnte Herr Eberhard den Brief nicht mit bekommen, und wenn erihn nicht mit bekäme, bekämen Sie ihn auch wohl gar nicht.

Ihr

ergebensterLessing.