Druckschrift 
12 (1840)
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Lessings Briefe, 1770.

An Madamc König. °)Meine liebste Madam!

Sie sind allzugütig, und ich danke Ihnen tausend, tausendmal.Unser V. hätte mich lieber gar beredet, daß alle meine Freunde tuHamburg auf mich ungehalten wären, weil ich noch fast an keinengeschrieben. Zwar wäre dieses Ungehaltcnseyn nun eben nicht dasSchlimmste für mich, und weit schlimmer wäre cS, wenn sich kein Menschdarum bekümmerte, ob ich schriebe oder nicht schriebe. Aber demohngc-achtet weiß ich auch, daß eS so arg nickt seyn kann, als es der V- macht.Sie schmähen alle auf meine Nachlässigkeit, Faulheit, Unhöfltchkcit, oderwie sie es sonst nennen mögen: im Grunde aber denkt keines ein Haarschlechter von mir, als cS gedacht hätte, wenn ich noch so fleißig schriebe.

Sie am allerwenigsten, meine liebe Freundinn, machen mir einVerbrechen aus etwas, was ich Ihnen nur recht erklären dürste, wennSie mir sogar ein Verdienst daraus machen sollten. Ich bin den gaii'zen Tag unruhig, wenn ich nach Hamburg schreibe, und drey Tagevergehen, ehe mir alles hier wieder so recht gefällt, als es mir gefal-len soll. Sie dürfen zwar nicht meinen, als ob ich nicht vergnügthier wäre. Nur wenn man sich erinnert, daß man anderswo oft sehrvergnügt gewesen, kann man sich kaum überreden, daß man es nochist. Sie, mit Ihrer Familie befinden sich doch wohl? und rechtwohl? Was macht Malchen, und was macht mein Pathc? Es ist al-les iht so weitläuftig und öde um mich, daß ich zu mancher Stundegern wie viel darum geben wollte, wenigstens von meinen kleinen Ge-sellschaftern in Hamburg etwas um mich zu haben.

Ich gehe nun schon heute den ganzen Abend In Gedanken mitIhnen spatzieren: und wenn es wirklich geschähe, was hätte ich Sieda nicht alles zu fragen! Ungefähr können Sie es errathen, und vonso einer fertigen Briefschreiberinn, als Sie sind, kann ich es schonverlangen, daß sie mir ein Langes und Breites auf die errathenenFragen antwortet. Eine davon wäre auch diese: reisen Sie noch die-sen Sommer? Ich käme Ihnen fünfzig Meilen nach, wenn Sie hierdurchreiseten, und ich unglüklicher Weise nicht hier wäre. Denn einekleine Ausflucht nach Göttingcn oder Berlin , muß ich doch wohl bald

*) Lessings Briefe an Madame König hat man bisher nur i» zwei be-sondere» Bänden unter dem TitelFreundschaftlicher Briefwechsel zwischenEotthold Ephraim Lcssing und seiner Frau, Berlin , 1789", von Karl Gott-hclf Lcssing herausgegeben, lese» können: der gegenwärtige Herausgeber hatsich zuerst verpflichtet geglaubt sie in die sämmtlichen Werte aufzunehmen.