LessüigS Briefe, 1770.
An Nicolai.
Wolfenbüttel , d. — Octobcr 1770.
Liebster Freund/
Der verdammte Klotz! Nicht genug, daß er uns den Streich mitdem Portrait-') gespielt: hören Sie nur, was er noch gethan hat!Da hat mir der Schuft ein altes verwünschtes Manuskript in dieHände gespielt, und mir nicht eher Ruhe gelassen/ als bis ich einganzes Alphabet Wischt-Waschi darüber niedergeschrieben. Und dasalles/ wie cS offenbar ist/ bloß/ damit der dritte Theil von den anti-quarischen Briefen nicht gedruckt würde. Denn gewiß werden Sienun überhaupt die Lust verloren haben/ ihn ganz und gar drucken zulassen: besonders da der Schalk mit Fleiß sich selbst so verächtlich ge-macht, daß sich schon niemand mehr die Mühe nehmen wollen, denzweyten zu lesen. Melden Sie mir doch geschwind, ob ich recht ver-muthe: und leben Sie indeß wohl.
Ihr
An Reiske.
Braunschweig , d. 1Z. Octobcr 177».
Ich muß mich äußerst schämen, Euer Wohlgebohrncn länger alsein halbes Jahr Antwort auf Dero Briefe schuldig zu seyn, derenjeder mir so besonders angenehm gewesen. Um Dero Verzeihung dcs-falls zu erlangen, glaube ich wohl, wird cS das beste seyn, die lautereWahrheit zu gestehen. Ich fand bey Anlretung meiner jetzigen Stelleauf einmal so viel Arbeit vor mir, daß ich mir sofort das Gesetzmachte, während dem ganzen Sommer, keinem einzigen von allenmeinen Gönnern und Freunden weder zu schreiben, noch zu antworten.Ich rechnete auf ihrer aller Nachsicht, und ich wünsche nur, daß ichauf die Nachsicht Euer Wohlgebohrnen vornehmlich nicht umsonst mögegerechnet haben.
Was mich am meisten beschäftigt, ist die Ankündigung eines hie-sigen ManuscriptS, wovon Ueberbringcr dieses Denenselbcn ein Exem-plar überreichen wird- Ich weiß wohl, daß weder der Verfasser noch dieMaterie für einen Gelehrten, wie Euer Wohlgebohrnen, sehr interessant
*) Man sehe Nicolais Brief vom 23. Zuni 1770.