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den dem andern im Reste ist. Sie haben von jemanden schreibengelernt, der das Papier nicht zu schonen brauchte. Wir Schriftstelleraber müssen ganz klein schreiben lernen, sonst kriegen wir auch nichteinmal das Papier bezahlt.
Nun leben Sie recht wohl, meine liebste Freundinn, und verges-sen Sie nicht, wenn man Ihnen in Wien recht viel Gefälligkeit undFreundschaft erweiset, daß Sie an jedem andern Orte das Nehmlichezu erwarten Recht haben. Ich bin
Ihr
ganz ergebensterLessing.
An Madame König.
Wolfenbüttel , den 15. Dec. 1770.
Meine liebste Madam!
Ich weiß zwar nicht, ob ich es wagen darf, noch einmal nachWien an Sie zu schreiben. Denn wenn Sie zu Ende des Januarswieder in Hamburg sey» wollen, so kann Sie dieser Brief unmöglichmehr in Wien antreffen. Doch was wagen? Alles Unglück, wasdaraus erfolgen kann, ist, daß man Ihnen den Brief nachschickt.
Ich bin vorige Woche auf die unangenehmste Weise abgehaltenworden, Ihnen von dem Ausfalle unsers Lotlcriegcschäfts zu Hamburg Nachricht zu geben. Schließen Sie aus dieser Verzögerung aber nurja nicht, daß es schlecht müsse abgelaufen seyn. Nichts weniger, alsschlecht; wir haben sehr viel gewonnen: denn wir haben nichts verlo-ren. Ich halte das Billet so eingerichtet, daß wir auf einen simpelnAuszug schadlos waren, und den haben wir ans Nummer 19. bekom-men; gerade auf die Nummer, auf die ich mir am wenigsten etwasversprochen hätte, weil sie in den vorhergehenden sieben Ziehungen be-reits dreymal herausgekommen war. Damit Sie sehen, daß ich inwichtigen Angelegenheiten ein ordentlicher Mann bin, so lege ich Bil-let und ZiehungSschcin mit bey. Ich denke auch, daß ich Ihre Ein-willigung haben werde, unser Glück auf der nächsten Ziehung nocheinmal zu versuche». Das Billet ist schon genommen, und zwar aufdie nehmlichen Nummern, nur Rummer 19. nicht, wofür ich 7. ge-wählt habe: denn 19. wird doch nicht des Henkers seyn, und sichwieder herausziehen lassen!