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Lessings S^ricfc. 1771
An Madmnc König.
Wolfcnbüttcl, dcn ^1. März 1771.
Meine liebste Madam!
Wie sehr freue ich mich, daß Ihre Unpäßlichkeit von keinen Fol-gen gewesen, und daß Sie sich frisch und gesund wirklich auf derRückreise befinden. Roch mehr werde ich mich freuen, wenn ich Sieendlich vollkommen so gesund und vergnügt wiedersehe, als ich mirSie wünsche. Wenn an beyden noch etwas fehlen sollte, glaubenSie mir nur, das wird sich alles finden, wenn Sie nur erst wiederin Hamburg bey Ihren Kindern und Freunden sind. Wien und dieWiener mögen wohl recht gut seyn, wenn man nichts BcsserS kennt.
Ich bin einigt Tage abgehalten worden; und nunmehr darf iches wohl nicht mehr wagen, Ihnen nach AugSbnrg zu schreiben. Ichthue eS also nur gleich nach Heidelberg , wo Sie mein Brief gewißnicht am mißvergnügtesten treffen wird. Ich beurtheile Sie hierin»nach mir: denn unmöglich, denke ich, würde ich bey meiner altenMutter, und an dem Orte, wo ich meine Jugend vergnügt zuge-bracht, mißvergnügt seyn können. Es mengen sich da zu viel ange-nehme Ideen der Erinnerung in die gegenwärtigen Empfindungen:und im Grunde ist cS immer eins, ob man sich über das Gegenwär-tige oder über das Vergangene zu freuen hat; wenn man sich dennnur freuet.
Freylich hätte ich es Ihnen doch nicht geglaubt, wenn Sie mirgedrohel hätten, diese Gegend vorbey zu reisen, ohne mich zn besu-chen. Ich weiß nicht anders, als daß der Weg von Kassel allerdingsbey Wolfenbüttel vorbeygeht: und ich will Ihnen vor dem Thoreschon aufpassen lassen, wenn ich nur erst den Tag Ihrer Durchkuuflungefähr weiß. Wenigstens hoffe ich doch, daß sich Ihre Verrichtungenni Braunschweig unterdessen so werden gehäuft haben, daß Sie we-nigstens derenwegen einige Tage daselbst bleiben müssen. Aber in derRose müssen Sie da nicht wieder logircn, sondern gleich daneben imSterne. Da ist jetzt mein Absteigequartier, und Zimmer und allesist da besser.
Aus meinem Letzten werden Sie sonst wohl gesehen haben, daßich die Hoffnung aufgegeben, Ihnen entgegen zu kommen. Wenn cSzwar wahr wäre, was man erzählt, daß vorige Woche der Teufelselbst, in höchsteigener Person, des NachtS in Hamburg die Lotteriegezogen habe; daß eine von den gezogenen Nummern einem Nacht-