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LesstngS Briefe. 1771.
QuiSquilien und Ungereimtheiten zu beschäftigen- so kannst Du mei-netwegen ganz ohne Sorgen seyn. Aber ich muß Dir leider sagen,daß das Unglück sonst sein Spiel mit mir hat. Ich bin, seitdem ichDir das letztem«! geschrieben, auch nicht einmal im Stande gewesen,mich mit theologischem Unsinn abzugeben, geschweige, daß ich etwasEcschcidtcres vorzunehmen fähig gewesen wäre. Selbst diesen Briefschreibe ich, wie halb im Traume. Ich habe schlechterdings die ganzeZeit über meine Gedanken nicht eine Viertelstunde auf die nehmlicheSache fixircn können; und jede Zeile, die ich, auch nicht zum Drucke,schreiben müsse», hat mir Angstschweiß ausgepreßt: so wie cS wirklichauch von diesen Zeilen noch wahr ist. Acht Tage habe ich dazu einenAusschlag über den ganzen Körper gehabt, daß ich mich kaum vorjemanden sehen lassen konnte; und nun habe ich seit vier Tagen denPyrmonter-Brunnen zu trinken angefangen, wobei mir mein Arztschlechterdings gerathen, mich so viel, wie möglich, ernstlicher Beschäf-tigungen zu einschlagen.
Wundre Dich daher nicht, daß das Bißchen Manuskript, welcheshicrbey folgt, alles ist, was ich indessen habe zusammen stümpernkönnen. Noch weniger wundre Dich, wenn ich die noch übrige Zeit,da ich den Brunnen trinke, nicht viel mehr zu Stande bringe. Ichglaube wohl, daß es Herrn Voß unangenehm seyn wird; aber Gott weiß, er thut mir Unrecht, wenn er meynt, daß Gemächlichkeit odergesellschaftliche Zerstreuungen die wahre Ursache meines UnfleißcS sind.Ich komme hier zu keinem Menschen, und nie von meiner Stube,als wenn ich auf die Bibliothek gehe. Roch weniger darf er sich ein-bilden, daß ich für Andre an etwas anderem arbeite. Ich versprecheihm vielmehr, daß ich sicherlich nicht die geringste Kleinigkeit eher an-nehmen will, als bis ich mit den vermischten Schriften zu Standebin. Nur muß er mich wieder zu mir selber kommen lassen, undnicht ungeduldig werden. Ich versichere Dich, die Vorstellung, daßer es manchmal seyn möchte, ist eine der unangenehmsten, die ichhabe, und nichts als das Gefühl der Unmöglichkeit, ihm besser zudienen, kann mich deSfalls beruhigen.
ES wird mir äußerst sauer, mehr zu schreiben. Laß Dich diesesaber nicht abschrecken, mir recht oft und recht viel zu schreiben. Duerzeigst mir eine wahre Wohlthat damit; denn jeder Brief, den ichvon einem Bekannten oder Freunde bekomme, verschafft mir ein sehrersprießliches Jntervallum.
Wie befindet sich unser Moses? An Ramler habe ich seit vier-zehn Tagen einen Brief angefangen, aber noch nicht über die erste