LessingS Briefe. 1771.
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Seite kommen können. Lebe wohl, mein lieber Bruder — besser alsich, würde nicht viel sagen.
Dein
treuer Bruder,Gctthold.
Meine liebe Mutter,
Ich würde Ihnen gewiß mit dem Hrn. von Carlowitz geschriebenhaben, wenn ich bey seiner Abreise im Stande gewesen wäre, Ihnenmein Versprechen zu halten. Aber dieses thun zu können, habe icherst meine zu JohanniS gefällige Besoldung heben müßen, womit eSsich dicseSmal länger als gewöhnlich verzogen hat. Sie werden mires also vergeben, daß die zugesagten 5,0 Rthlr. erst nunmehr hierbeyerfolgen; womit lch nichts als die Bitte verknüpfe, gewiß von mirzu glauben, daß ich die Summe gern vermehret hätte, wenn cS mirmöglich gewesen wäre. Ich hoffe indeß, und will mein bestes dazuthun, daß ich Ihnen in einigen Monaten wiederum eine kleine Re-messe machen kann. Daß Sie eS mit der Schwester nöthig habenwerden, kaun ich mir sehr leicht vorstellen: und Gott ist mein Zeuge,wie gern ich Sie aus aller Verlegenheit auf einmal setzen wollte, wennich mich nur selbst noch zur Zeit in beßern Umständen befände.Haben Sie also mit meinem Unvermögen Erduld, und seyn Sie ver-sichert, daß ich dieses Unvermögen nicht blos vorwende.
l?S ist allerdings unsere Schuldigkeit, daß die Schulden, in welcheein so guter Vater durch seine Kinder gerathen ist, auch von seinenKindern bezahlt werden. Ich habe mich auch schon wehr als einmalerbothen, sie- sämmtlich über mich zu nehmen: das ist, sie schriftlichüber mich zu nehmen, und eine Obligation oder Wechsel dagegen aus-zustellen. Wem von unsern Schuldnern dieses gefällig ist, der kanzu der Zeit, die ich ihm festsetzen will, sich gcwiße Bezahlung ver-sprechen. Wer aber aus Grobheit oder Eigensinn sogleich baar bezahltseyn will, — dem helfe Gott ! Ich kann ihm nicht helfen, und zuUnmöglichkeiten ist kein Mensch verbunden. ES bekümmert mich auchwenig, was die Leute indeß sagen. Ich bin bey mir überzeugt, daßich eS mit dem Andenken meines Vaters rechtschaffen meine, und keinMensch soll mit der Zeit einen Heller durch ihn verloren haben. AberZeit muß man mir laßen: oder man sage mir, wie ich es sonst an-fangen soll.
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