Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
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308
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LessingS Briefe. 1771.

Wenn ich diese Nachricht länger entbehren könnte, so würde ichIhnen auch noch diesen Brief nicht schreiben. Ich würde es eherdarauf ankommen lassen, daß Sie mein Stillschweigen erklärten, wieSie wollten, als daß ich Ihnen einen Brief schreibe, der Ihnen ebenso verwirrt vorkommen muß, als sauer er mir geworden. Aber ichsehe wohl, ich muß Ihnen diesen Brief schreiben, wenn ich anderseinen Buchstaben von Ihnen noch vor meiner Abreise erhalten will.Und den muß ich doch noch haben; denn ich glaube weder sicher nochruhig reisen zu können, wenn Sie mir es nicht nochmals versichern,daß ich Ihnen noch immer eben so willkommen seyn werde, als Siemich es in Ihren Briefen dann und wann hoffen lassen. Eben,da ich dieses schreibe, fallt mir ein, ob meine jetzigen Umstände auchwohl Hypochonder seyn sollten? Aber das habe ich ja niemals gehabt:und ich wüßte gar nicht, wie ich nun erst dazu käme? Ich habedie Zeit über, da ich glaube, daß Sie den Brunnen getrunken, zwan-zigmal des Tages an Sie gedacht. In dem Jungfernstiege, und beyso unangenehmer Witterung! Wenn er Ihnen denn nur recht bekom-men ist. Aber Sie werden fragen, ob ich nicht noch öfters bey dergroßen Wassersgefahr an Sie gedacht, in der Hamburg gestanden?Zu meinem Glücke habe ich erst vor einigen Tagen etwas davon er-fahren; denn ich lese keine Zeitung. Wahrlich, da muß doch keineangenehme Zeit in Hamburg gewesen seyn! Und wie traurig muß esnoch um Hamburg aussehen! Der liebe E. will deswegen dieses Jahrgar nicht hinkommen. Er denkt mit traurigem Herze» au die Gärten,in welchen er daSmal doch nicht lraktiret werden könnte. Eben soglücklich, wer gar keinen Garten hat! Aber Schelmenglück muß derhabe», der seinen Garten so zu rechter Zeit noch verkaufen können,als unser V. Denn ich denke doch, daß sein gewesener Garten auchganz artig unter Wasser wird gestanden haben.

Ich danke Ihnen recht sehr für das Neue vom Jahre. Aber wieangenehmer würde es mir gewesen seyn, wenn wenigstens nur dieAddresse von Ihrer eignen Hand gewesen wäre. Denn freylich, daßSie es auch mit ein Paar Worten begleiten sollen das war zuviel verlangt, da ich Ihnen »och auf zwey Briefe Antwort schuldigwar. Sie sind eine harte schlimme Frau!

Auch Madam Sch. hat mir ein gleiches Präsent zu schicken dieGüte gehabt, wofür ich ihr meinen Dank noch schuldig bin. Habe»Sie die Freundschaft, mich deshalb bey ihr zu entschuldige». ES sollin der ersten guten Stunde geschehen, die ich nun wieder haben werde.Heute ist mir es unmöglich: und Gott sey Dank, daß ich nur mit