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12 (1840)
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Lessings Briefe. 1771.

An Madame König.

Wolfenbüttel , den 20. Nov. 1771.

Meine Liebe!

Ich würde mit der Nachricht, die ich Ihnen in meinem Letztenüberschrieben/ nicht so gceilet haben/ wenn ich hätte vermuthen kön-nen, was für eine Nachricht indeß in Ihrem Briefe an mich untcr-weges wäre. Wahrlich, eine unangenehme Nachricht! Aber ist denndaS eben dieser W, von dessen Freundschaft gegen unsern seligen FreundSie mir wohl sonst so viel Rühmens gemacht haben? So will er Ihnendiese Freundschaft noch nach seinem Tode sehr theuer bezahlen lassen.Denn es ist natürlich, daß Sie sehr viel verlieren müssen, wenn erSie zwinget, das Werk so auf den Plotz, vielleicht für das erste besteGeboth, zu verkaufen. Indeß, meine Liebe, Sie müssen auch schondieses über sich ergehen lassen. Halten Sie sich an Ihrem Troste, daßSie an alle dem Unglück nicht Schuld sind. Erhalten Sie sich nurheiter, um sich gesund erhalten zu können; verlieren Sie, was Sie ver-lieren müssen; erhalte» Sie für Ihre Rinder so viel, als Sie erhaltenkönnen; und überlassen Sie ruhig alles Uebrige der Vorsicht. WennSie weiter in Wien nichts zu suchen haben, wenn Sie nichts mehrnöthiget, vielmehr da, als an einem andern Orte zu leben: so ist auchmir Wien ein sehr gleichgültiger Ort, den ich, unter den allervortheil-hastesten Bedingungen von der Welt, nicht mit meinem gegenwärtigenAufenthalte vertauschen wollte. Ich werde also sicherlich alle Vor-schläge dahin ablehnen, und keinen weitem Gebrauch davon machen,als daß ich mir hier damit, wo möglich, irgend eine Verbesserung zuverschaffen suche. Und alsdcnn, meine Liebe, können Sie weiter keineAusflucht haben, mir Ihr Wort zu halten. Wenn Sie lieber in demelendsten Winkel, lieber bey Wasser und Brod leben wollten, alslänger in Ihrer gegenwärtigen Verwirrung: so ist Wolfenbüttel Win.kels genug, und an Wasser und Brod, auch noch an etwas mehr, solles uns gewiß nicht fehlen.

Fahren Sie indeß ja fort, mich in Ihren Briefen vornehmlichvon Ihren Umständen zu unterhalten. Bloße Neuigkeiten aus Ham-burg können mir andere schreiben, für die ich weniger empfinde. Durchdie Widerwärtigkeiten, welche Ihnen zustoßen, kann meine Liebe un-möglich erkalten. Eher, fühle ich, daß sie das könnte, wenn Sie sehrglücklich wären.

Der gute Ackermann! er thut mir leid. Bst. halte die Nach-richt mitgebracht/ daß er sich das Bein wirklich abnehmen lassen, oder