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Lessiiigs Briefe. 1772.
zu einem andern Ihre Zuflucht zu nehmen. Nur besorge ich nunmehr,daß Sie es doch nicht thaten, wenn Sie es auch nöthig hätten. —
Ich fange nun auch an zu merken, daß man in Wien sich ebennicht zu übereilen pflegt. Ich habe noch von daher nichts, wohl abermit voriger Post abermals über Berlin eine sonderbare Anfrage: obich nicht geneigt scv, auf Kosten des Kaisers, auch nur zum BesuchevorS erste, nach Wien zu kommen, um mir selbst meine Bedingungenzu machen, und VcrschicdneS einrichten zu helfen. WaS sagen Siedazu? Ich habe fast empfindlich darauf geantwortet. Denn wie wärees möglich, daß ich zu so einer Reise aufs Ungewisse, wie sie es dochimmer bey allen möglichen Versicherungen scheinen würde, hier umErlaubniß anhalten könnte? —
Sollte sich die nähere Aufklärung dieser Sache noch einige Zeitverschieben, und es käme zu Ihrer Reise, so hoffte ich von Ihnen,meine Liebe, manches zu erfahren, was ich sehr gerne wissen möchte.Besonders, was S. daran für Antheil hat, oder mit der Zeit habendürfte? Mir ist bange gewesen, daß sich auch Klotz mit in das Spielmischen möchte: aber der Mann hat sich dasmal klüger erwiesen, alsich gedacht hätte, — er ist gestorben. Ich möchte gern über diesenZufall lachen: aber er macht mich ernsthafter, als ich auch ge-dacht hätte. —
Leben Sie recht wohl, meine beste Freundinn. Mein Nächstes istaus Wolfcnbüttcl, und um so viel klüger!
Dero
ergebenster auf immerLcssing.
An Madamc König.
Braunschweig , den 1K. Jan. 1772.
Meine Liebe!
Ich bin zu meinem großen Verdrusse noch in Braunschwcig, undseit einigen Tagen an einer verzweifelten Kolik fast bcttlägrig gewesen,die ich mir durch Erkaltung zugezogen. Heute ist mir wieder ganzerträglich, und wenn es so anhält, so gehe ich morgen unfehlbar nachWolfenbüttel , um von da, auf die erste Nachricht von Ihrer Durch-kunft, wieder anher zu kommen.
Sie glauben nicht, wie sehr ich mich auf diese Durchkunft freue,ob Sie mir gleich drohen, daß sie nur von wenig Stunden seyn werde.