Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
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354
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Lcssings Briefe. 1772.

würde nur sehr schwer, in Rücksicht auf eine Person, die ich mehrliebe, als mich selbst, dazu zu bringen scvn. Sonderbar ist cS beydem allen, daß weder Sonnenfels noch Gcblcr selbst wissen, was umsie herum vorgeht; daß sie weder wissen, wer Ricdcln berufen hat, nochwas der Mann eigentlich da soll. Nunmehr muß er doch wohl auchin Wien angekommen seyn; denn es ist länger als sechs Wochen, daßer durch Leipzig gercisct; und bcv seiner Ankunft wird cS sich dochwenigstens gezeigt haben, wer seine Gönner sind, und was man mitihm will. WaS Sie Näheres davon hören, werden Sie mir wohl melden-

Vor einigen Tagen habe ich einen Brief von Herr SeylcrnauS Wien bekommen, der mir eine neue Tragödie von dem Herrn O. Lvon Avrenhoff übcrschickt hat, dje mir dieser zuzuschreiben für gut be-funden. Der Herr von A. hat mir damit viel Ehre erwiesen; abermich auch zugleich in nicht geringe Verlegenheit gcscht. Denn wassoll ich dem guten Manne antworten? Sein Stück, unter unS gesagt,ist herzlich mittelmäßig- und antworten muß ick ihm doch, und mußihm verbindlich antworten. Was ist cS denn sonst für eine Art vonMann? Schreiben Sie mir doch, was Sie von ihm hören.

Herr Seyler ist hockst »»zufrieden mit Wien ; und ich habe gleichdarauf gerathen, daß die schleckte Aufnahme der Madam Hensel da-selbst an dieser Unzufriedenheit wohl vornehmlich Schuld haben könnte.Aber wenn diese nicht in Wien bleiben kann: was will sie bcv unsin Braunschwctg? Hier hat Döbbelin eine Art von sehr vorthcilhaftcm festen Engagement vom Hofe erhallen, warum sich dcr selige Ackermann umsonst bemühte. Wir gönnen es ihm alle gar nicht; und hattenes Ackermanns iveit lieber gegönnt. Mein neues Stück hat er drey-mal gespielt; aber ich habe «S kein cinzigcsmal gesehen, und will esauch so bald nicht sehen. Unterdessen versichern mich alle, daß dieAufführung ganz wider Vermuthen gut ausgefallen, und daß dieseTruppe noch kein Stück so gut aufgeführt habe. Ich bin begierig zuhören, was man in Wien davon urtheilt; und was besonders der all-weise Herr von Sonnenfels geruhen wird, darüber zu äußern. Da erSie, meine Liebe, so freundschaftlich aufgenommen hat, so kann ichauf ihn nicht ganz böse sevn, welches ich sonst von Grund der Seelewollte. Denn nach allem, was ich sonst von ihm höre, muß cS dcrunerträglichste Narr auf Gottes Erdboden sevn.

Stcuensee hat noch seinen Kopf, und er wird ihn anch wohl be-halten. Man will nehmlich wissen, daß ihn die Richter vernrthcilthätten, lebendig gcvierthcilt zn werden: aber auf Vorspräche dcr Kö-niginn sey diese Sentenz in eine ewige Gefangenschaft gelindert wor-