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12 (1840)
Entstehung
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363
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Lessmgs Briefe. 1772.

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aber dabey, muß ich Ihnen nur voraus gestehen, recht sehr auf IhrenVerstand, wovon bev Uebcrscndung dcS ersten Stückes ein MchrereS.

In sehnlicher Erwartung von Euer Wohlgebohrnen Wohlbefindenund fortdaurcnder Freundschaft gegen mich versichert zu werden, ver-harre ich in der vollkommensten Hochachtung :c.

Lesfing.

An Madamc König.

Wolfciibüttel, den 27. May 1772.

Meine Liebe!

Ihren Brief vom 22tcn vorigen Monats habe ich zwar bereits,vor länger als vierzehn Tagen, erhalten. Aber da darinn nichts aufmeine beyden letztern an Sie nach Wien abgelassenen befindlich, Sieauch ausdrücklich sagen, daß Sie in Wien von mir noch keine Zeilegesehen: so bin ich darüber äußerst ärgerlich gewesen, und habe vonTag zu Tag gewartet, ein Zwevtes von Ihnen zu erhalten, in welchemSie mir den Empfang meiner Briefe melden würden. Da aber diesesZweyte, dem ich so sehnlich entgegen sehe, noch immer ausbleibt: somuß ich nun in allem Ernste besorgen, daß meine Briefe vielleicht garnicht einmal auf die Post gekommen, und Sie mir aus verdienter Be-strafung, wie Sie glauben, nicht neuerdings schreiben wollen. Wasmich in dieser Besorgnis; bestärkt, ist mein schurkischer Bediente, denich endlich wegen hundert lüdcrlichcn »nd infamen Streichen zumTeufel sagen müssen. Wie leicht kann er mir auch da infame Streichegespielt, und meine Briefe nicht besorgt haben, um die Kleinigkeit fürdas halbe Francs einzustecken. Wenn ich das wüßte: so hätte er soohne Prügel gewiß nicht von mir kommen sollen. Sie glaubennicht, meine Liebe, wie viel Aergerniß mir dieser Kerl seit einiger Zeitgemacht hat. Gott sey Dank, daß ich ihn nunmehr nur loS bin;und daß ich einen andern Menschen habe, der außerordentlich gut zuseyn scheint.

So hat ein jedes immer seine Plage. Und ich kann mir es ein-bilden, daß cS Ihnen für Ihr Theil am wenigsten daran fehlen wird.Doch was thut ein wenig Plage, wenn man nur gesund ist? Unddaß Sie dieses sind, das ist ein Punkt, weswegen ich Ihren Brief,der mich dessen versichert, alle Tage einmal, immer mit neuem Ver-gnügen durchlcse. Wahrlich, wenn die Wiener Luft Ihnen so wohlbekömmt, so wäre das allein eine hinlängliche Ursache, alles anzuwcn-