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Lessings Briefe, 1772.
sich die Wiener so gefallen? Zwar die Wiener Zuschauer sind mirschon langst eben so verdächtig, als die Akteurs. Daß sie indeß hierund da in meinem Stucke gelacht haben, ob es gleich eine Tragödieseyn soll, verdrießt mich nun wol?l nicht: aber freilich, wenn die Ak-teurs alles Ihrige dazu beigetragen, daß die Zuschauer da lachenmüssen, wo sie sicherlich hier bei uns nicht gelacht habe», so hat esder Kaiser wohl schwerlich zum Lobe des Stuckes gesagt, daß er inkeiner Tragödie wehr gelacht habe, als in dieser. O meine Liebe,ich fürchte, ich wurde ein noch weit ungebildeter und noch weit un-dankbarer Publikum vor mir haben, wenn das geschähe, was Sie znwünschen scheinen! Und doch wurde ich es darauf wagen, wenn —Sie wissen ja wohl. Aber welche ungewisse Aussichten! —
Was Sie mir von Riedcln schreiben, haben wir hier wirklichzum Theil schon gehört, und zum Theil ist es sogar schon gedruckt,es fehlte noch, wenn Sie glauben, daß Gebier Sie leicht selbst inVerdacht haben könnte, wenn er erfährt, daß man seine saubere Krea-tur auch hier kennet. Und doch glaube ich nicht, daß er es von R"weiß, was Sie vermuthen, daß er von uuscrer Freundschaft wisse.Wenn davon etwas nach Wien gekommen ist, so ist eS ganz gewißallein durch Wagnern dahin gekommen. — —
Bald hätte ich Ihnen etwas nach Wien geschickt, was Sie alsden Dank für das mir überschickte Portrait von Klotzen hätten an-sehen mögen, lind vielleicht thue ich eS mit der nächsten Post dochnoch. Sie wissen ja, daß ich voriges Jahr in Berlin mich von Gra-fen mußte mahlen lassen. Dieses Portrait ist itzt von Baust» inLeipzig gestochen, sehr schön gestochen; ob aber auch ähnlich, und soäußerst ähnlich, als mich die Leute bereden wollen, das werde icham besten von Ihnen, meine Liebe, erfahren können. —
Gestern hat mich, rathen Sie wer? aus Hamburg besucht. Dok-tor Matsen; den ich in einem Ihrer Briefe einmal für D. Muwscnlas. i5r ist in Angelegenheiten des RathSherrn Rickcrt hier, welcherein ziemliches bei Todcr HorstS zu fordern hat. Dieses Hau« hatschon seit einiger Zeit aufgehöret zu bezahlen, und seine Gläubiger inHamburg stnd mit dem Mcratorio, das man ihm hier gegeben, sehrübel zufrieden. Aber ich denke doch, daß es dabei bleiben wird, und
und unerträglicher, besonders in seinem stummen Spiele. Was thut er zuletzt inIhrem Stücke? Er reißt sein ohnedem großes Maul bis an die Ohren auf,streckt die Zunge lang mächtig ans dem Halse, und leckt das Blut von demDolche, womit Emilia erstochen ist."