LcssingS Briefe. 1772.
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An Madame König.
Wolfenbüttel , den 29. Jul. 1772.
Meine Liebe!
Ich habe es seit vierzehn Tagen mehr als einmal versucht, anSie zu schreiben: aber vergebens, lind es wird ein großes Glückseyn, wenn ich endlich doch diesen Brief zu Stande bringe. So sehrhat mich der Brunnen angegriffen, den ich gestern geendet, und vondem ich mir mehr gute Wirkungen verspreche, als ich noch zur Zeitempfinde. — Mochte es aber doch mit mir nur seyn, wie es wollte:wenn eS nur mit Ihnen so wäre, wie ich wünsche. Ihr letzter Briefverschweigt mir sicherlich mehr, als er mir sagt; und ich muß miralle Gewalt anthuii, mir, vorncmlich in Betrachtung Ihrer Gesund-heit, nicht das Allerschlimmstc vorzustellen. In dieser Furcht bestärktmich, daß ich keine Briefe von Ihnen, sondern nur immer Antwortenerhalte. Ich weiß, daß Sie mir doch sonst ein paar Briefe geborgthaben, bis ich Ihnen meine Schuld mit Interessen abtragen konnte.Und daß Sie cS itzt nicht thun, daran ist gewiß nicht Ihr bloßesNichtwollcn Schuld. T'aS verwünschte Wien ! Wenn cS auch Ihnenleere Heffnuugeu vorgespiegelt hat, so werde ich ihm auf Feit meinesLebens gram werden. Konnte ich wenigstens doch nur itzt abkommen,um mich desto geschwinder in Ihrer Gesellschaft von der Neigung zukurircn, die noch dann und wann für diesen betrügerischen Ort beimir spricht. Ich käme Ihnen, ehe Sie cS sich versähen, über denHals, mochte doch der Herr von Geblcr davon denken, was er wollte.?a Sie mir nicht melde», daß er eben etwas Besonders für Siethut, und da er hingegen so viel sür den elenden Ricdcl thut: so ister wir herzlich ekel, und cS wird mir die äußerste Ueberwindung kosten,wieder an ihn zu schreiben. Heute thu' ich es schon gewiß nicht;wenn ich gleich weiß, daß ich so nach auch desto länger fein Kompli-ment über die Aufführung der (üuilie werde entbehre» müssen. Wiegern will ich es ihm ganz schenken! Und wie gern hätte ich auchdie ganze Zlnfführnng dem Wicncrlhcatcr erlassen wollen. Nach allem,was Sie mir davon schreiben, muß sie ganz abscheulich ausgefallenseyn. Tcr abscheuliche Kerl, der Stephanie!') Und das alles lassen
*) Sie schrieb am 15. Juli „Den Prinzen machte Slcpbanic derZlclterc, ich möchte fast sagen: so schlecht wie möglich. Die schöne Secncmit dem Mahler, die verliert hier ihre» ganzen Werth. Denn die spielt derPrinz und der Mahler, bcpdc zugleich so abgeschmackt, daß man sie möchtemit Nasenstübern vom Theater schicken. Stephanie wird täglich affcktirtcrLeMngS Werke xn. 24