LcssingS Briefe, 1772. 377An Karl G. Lcssiiig.
Wolfciibüttcl, den 28. Oct. 1772.
Lieber Bruder,
Tu weißt es ja wohl schon längst, wie es mit mir steht, wennich in langer Zeit von mir nichts hören lasse, nehmlich, daß ich so-dann äußerst mißvergnügt bin. Wer wird durch Mittheilung undFreundschaft die Sphäre seines Lebens auch zu erweitern suchen, wennihm beynahe des ganzen Lebens ekelt? Oder, wer hat auch Lust, nachvergnügten Empfindungen in der Ferne umher zu jagen, wenn er inder Nähe nichts um sich sieht, was ihm deren auch nur Eine gewäh-ren könnte? Krank bin ich nun schon seit geraumer Zeit nicht mehr,und bin daher auch schon seit geraumer Zeit nicht müßig gewesen.Ich habe gearbeitet, mehr als ich sonst zn arbeiten gewohnt bin.Aber lauter Dinge, die, ohne mich zu rühmen, auch wohl ein größe-rer Stümper eben so gut hätte machen können. Ehestens will ichDir den ersten Band von Beytrügen zur Geschichte und Litte-ratur, aus den Schätzen der Herzog!. Bibliothek zu Wolfen-biittel :c, schicken, womit ich so lange ununterbrochen fortzufahren ge-denke, bis ich Lust und Kräfte wieder bekomme, etwas EcscheidtcreS zuarbeiten. Das dürfte aber so bald sich nicht ereignen, lind in derThat, ich weiß auch nicht einmal, ob ich eS wünsche. Solche trockneBibliothekar-Arbeit läßt sich so recht hübsch hinschreiben, ohne alleTheiliiehmuug, ohne die geringste Anstrengung des Geistes. Dabeykann ich mich noch immer mit dem Troste beruhigen, daß ich meinemAmte Genüge thue, und manches dabey lerne; gesetzt auch, daß nichtdas Hundertste von diesem Manchen werth wäre, gelernt zu werden. —Doch warum schreibe ich Dir dies alles, und mache Dich unruhiger,als Du bey meinem gänzlichen Stillschweigen nicht gewesen seyn wür-dest? — Ich wünsche, daß Tu Deines Theils wirklich so vergnügtseyn magst, als Du eS in Deinem Briefe ungefähr scheinst. DaßDu lange damit an Dich gehalten, in der Meynung, ich sey verreist/thut mir leid. Ich bin den ganzen Sommer nicht weiter gekommen,als von Braunschwcig nach Wolfciibüttcl, und von Wolfciibüttcl nachBraunschweig . Und auch diese Lcrändcrungeu werde ich mir schlech-terdings aufs künftige versagen müsse». Doch das soll mein geringsterKummcr seyn, und ich will mich gern noch weit mehr aller Gesell-schaft entziehen, um hier in der Einsamkeit zu kahlmäusern und zubüffeln, wenn ich nur sonst von einer andern Seite meine Ruhe wie-der damit gewinnen kann.