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LessingS Briefe. 1772.
Was Dir Graf von der Dresdner Agripvine gesagt hat, hatteich auch bereits von daher gehört. Aber wenn auch nur dieses wahrist, daß der Kopf nicht zu dem Körper paßt: ist es dann nicht schlimmgenug, daß Winkelmann und Casanova von diesem Umstände gänzlichgeschwiegen? Ob der Kopf für sich genommen, endlich auch antik odernicht antik ist, geht mich gar nichts an, und ich habe gar nicht nö-thig, mich darauf einzulassen. Er sey eS immerhin. Genug, dieseStatue ist nicht nur ohne diesen, sondern ohne allen Kopf in der er-sten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu Rom auSgegraben worden;und dieses ist, was die Dresdner großsprecherischen Kenner entwedernickt wissen, oder nicht wissen wollen. Ich habe es hier in der Bi-bliothek von ungefähr entdeckt, wo diese Statue ehedem, nicht alleinohne Kopf, sondern auch ohne Arme, die ebenfalls neu sind, gesian-den. Aber sage Du, lieber Bruder, wenn Du von der Sache spre-chen mußt, dieses eben nicht weiter. Denn wenn sie in Dresden nachzusuckcn anfangen, so könnten sie leicht dahinter kommen; undich möchte gern einmal mit diesem Exempel die windigen Künsiler be-schämen, die immer auf ihren untrüglichen Geschmack pochen, und alleantiquarische Gelehrsamkeit, die man aus Büchern schöpft, verachten.
Murr ist ein —, der mir endlich einen Brief abgequält, undder bloß mir zum Possen diesen Brief jetzt drucken lassen, und deuganzen Quark von Klotzens Leben gegen mich geschrieben hat, weilich ihm seitdem nie wieder auf einen Brief geantwortet habe.
Die Livvertschen Abdrücke sind allerdings ein sehr elendes Sam-melsurium. Aber -> pi-opos dieser Abdrücke: ist es denn wahr, daßHerr Meil die beyden Steine gestochen? Er soll mir die Plattenschicken, oder wenigstens einen Abdruck davon, und mir melden lassen,was ich ihm dafür schuldig bin; so will ich das Geld an ihn einsenden.
Ich wünsche sehr, daß es wahr seyn mag, daß der König endlichfür Kochen etwas thun will. Hier thut der Herzog für Döbbelinmehr, als er werth ist, ob eS gleich dem ungeachtet nicht mit ihm
geht. Er ist ein--, der zur wahren Aufnahme des Theaters eben
so wenig thun kann als will.
Nun lebe wohl, und schreibe mir bald wieder.
Dein
treuer Bruder,Golthold.