LessingS Briefe. 1772.
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An Madainc König.
Braunschweig , d. 15. Nov. 1772.
Meine Liebe!
Ich bin seit drei Tagen in Braunschweig , wo ich allerlei z» thunhabe, so daß ich Ihnen schwerlich von hieraus schreiben wurde, wennmir nicht etwas auf dem Herzen brennte, das ich unmöglich längerfür mich behalten kann, und das ich Ihnen nothwendig mit ein PaarWorten melden muß.
Man läßt sich, über Berlin , durch den Kanal des Pr. S. unddes jungen B. von Sch,, welcher, wie Sie wissen, Kaiserlicher Ge-sandte in Berlin ist, bei mir erkundigen, ob ich wohl geneigt wäre,unter voriheilhaftcn Bedingungen nach Wien zu kommen. Naherwill man sich darüber nicht auSlassen, bis ich mich vorläufig erkläret,ob man überhaupt auf mich rechnen könne oder nicht.
Ich antworte mit heuliger Post, wenn der Lorschlag nicht dasTheater beträfc, so könne man auf mich rechnen. Nur mit demTheater möchte ich nichts zu thun habe», wenigstens so lange nicht,als es unter einem Impressario stehe, und nicht unmittelbar von demHofe abhänge. Doch ich glaube auch nicht, daß der Lorschlag dasTheater betrifft, sondern daß etwas ganz anders im Werke ist.
Habe ich recht geantwortet, meine Liebe? — Ich will cS hoffen,und Sie begreifen leicht, was meine liebste Aussicht dabei sein kann.Was geschehen soll, weiß die Lorsicht am allerbesten zu lenken. —Wenigstens sehe ich doch aus dieser Anfrage, daß man in Wien anmich denkt — an dem Orte, von welchem Sie so gern loS seynmöchten, und von welchem Sie vielleicht nie loskommen sollen. -»-Wenn Sie doch dieser Gedanke nur im geringsten aufheitern könnte!Sie glauben nicht wieviel ich leide, wenn ich mir Sie niedergeschla-gen denken muß!
Nähestens, sobald ich wieder in Wolfenbüttcl bin, ein mchrcres.Seyn Sie indeß wenigstens gesund! Mit der Lersicherung meinerinnigsten Liebe brauche ich hoffentlich keine Zeit zu verlieren. Ichschreibe Ihnen heute nur, um Ihnen etwas neues zu melden; nichtaber, um Ihnen etwas altes zu wiederhohlc». Ich bin, meine liebste,beste Freundinn,
ganz der IhrigeL.