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12 (1840)
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380
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LcssmgS Briefe. 1772.

An Madame König.

Wolfeiil'ültcl, den 3. Dec. 1772.

Meine Liebe!

Am vorigen Frcytage siel Ihr Schwager, in doppeltem Verstände,für mich vom Himmel; weil er so unerwartet kam, und weil er vonIhnen kam. Meine erste Frage war: ob er allein sey? und meinezweyte: ob er keinen Brief habe? Allein, sagte er: und keinen Brief.Er wollte sogleich durchreisen; aber ich bat ihn, die Post nach Braun-schweig nur fahren zu lassen; ich wolle ihn gegen Abend selbst hin-bringen. Das geschah; und des Morgens darauf ging er mit derHamburger Post wieder ab. Ich hörte die ganze Zeit unsers Bey-sammenseyns nicht auf, ihn zu fragen: aber warum denn keinenBrief? Madame König muß meinen letzten Brief ja schon vor IhrerAbreise empfangen gehabt babcn. DaS, sagte er, wisse er so rechtnicht; aber Sie wären die letzten Tage vor seiner Abreise außeror-dentlich beschäftiget gewesen, und vermuthlich würde ein Brief untcr-wegeS seyn. Mit diesem Troste kehrte ich, sobald er aus Braunschwcigwar, nach Wolfcnbüttcl zurück; und mit diesem Trost mußte ich michein, zwey, drey Tage Hinhalten. Denn erst den zweyten dieses habeich ihn endlich bekomme», Ihren Brief vom 19. des vorigen. Auf demCouverle war Nürnberg ausgestrichen, und von einer fremden HandPrag dafür geschrieben. Vielleicht ist dieses die Ursache, warum erso spät eingetroffen. Aber ich hätte ihn doch auch sonst schwerlich vorder Ankunft Ihres Schwagers erhalten können; da Sie meinen Briefvor seiner Abreise noch nicht in Händen hatten. Ich bedaurc essehr, meine Liebe, wenn dieser Umstand Ursache gewesen, daß Sieetwas gegen ihn geäußert, welches Sie lieber gegen ihn nicht möchtengeäußert haben. Ich kann Ihnen aber versichern, daß er von dieserEntdeckung, wenn cS anders eine für ihn gewesen ist, gegen michkeinen schlimmen Gebrauch gemacht hat. Denn er hat gar keinen da-von gemacht, und sich durchaus nichts merken lassen. Sie wertenam besten wissen, wie Sie dieses von ihm auslegen sollen. Ichwünschte sehr, daß Sie gut von ihm dächten; noch mehr, daß Siees von ihm zu denken Ursache hätten. Das gestand er mir mit vielerAufrichtigkeit, daß er Ihnen in Wien so viel als nichts geholfen;daß es aber nicht an seinem Willen, sondern an der Sache selbst ge^legen; und so wie er mir diese vorstellte, mag cS auch wohl wahrseyn. Wie sehr habe ich Sie dabey beklagt! lind allerdings, esmag biegen oder breche», so müssen Sie ein Ende damit zu machen