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Lesstngs Briefe. 177Z.
daß Tu es auf die Lauge seyn kannst. Ich mache diese Erinnerung,weil Du sie mir zu brauchen scheinst. Tu liesest sehr viel, undschreibst sehr viel. Zille die neuen Werke, über die Tu mir DeineGedanken mittheilst, habe ich noch kaum angesehen. Und wenn ich inJahr und Tag, wie Tu, zwey Komödien gemacht haben sollte, undmit dem dritten Stücke schwanger ginge, so wäre ich sicherlich, vorEntbindung mit diesem dritten, entweder im Tollhansc oder im Grabe.
Ich bin indeß sehr begierig, diese Deine Komödien zu scbcn.Schicke mir sie also; und zugleich den Plan, nach welchem Tu Dei-nen Massanicllo machen willst. Vielleicht kann ich Tir in diesem letz-tern einige Winke geben; denn ich erinnere mich, daß auch mir diesesSujet einmal durch den Kopf gegangen ist. Historische Quellen weißich Tir keine andre anzuzeigen, als Tn schon kennst. Aber weißt Tndenn auch, daß Tn schon einen dramatischen Vorgänger hast? undeinen dramatischen Vorgänger in Deutschland ? Es ist kein geringerer,als Christian Weise , dessen Trauerspiel von dem NeapolitanischenHauptrebcllen Massanicllo Tn in seinem Zittauischcn Theater sind?»wirst. Wenn Tu es noch nicht gelesen hast, so lies es ja. Es hatganz den freyen Shakcspcarschcn Gang, den ich Tir sehr znr Nachahmung empfehlen würde. Anch wirst Tu, des pedantischen Frostesungeachtet, der darin herrscht, hin und wieder Flinke» von Shakc-spcarschcm Genie finden. — Wie Tn Tir den Charakter des Aniellodenkst, kann ich freylich nicht wissen. Aber ich glanbc zu erralbc»,was Dich für ihn eingenommen: die uneigennützige Entschlossenheit,zum Besten Anderer sein Leben zu wagen, in einem so rohen Men-schen; die großen Fähigkeiten, welche Umstände und Noth in einemso rohen Menschen erwecken nnd sichtbar machen. Dieses ließ anchmich ihn als einen sehr schicklichen tragischen Helden erkennen; aberwas mich mehr als alles dieses hätte bewegen können, Hand an dasWerk zu legen, war die endliche Zerrüttung seines Verstandes, dieich mir aus ganz natürlichen Ursachen in ihm selbst erklären zu kön-nen glaubte, ohne sie zu einem unmittelbaren physischen Werke seinerFeinde zu machen. Ich glaubte sonach den Mann in ihm zn finden,an welchem sich der alte rasende Herkules modernisircn ließe, über des-sen aus ähnlichen Gründen entstandene Raserey ich mich erinnere, ei-nige Anmerkungen in der theatralischen Bibliothek gemacht zu haben;und die allmähliche Entwickelung einer solchen Raserey, die mir Sc-neca ganz verfehlt zu haben schien, war cS, was ich mir vornehmlichwollte angelegen sey» lassen. ES sollte mich freuen, wenn das DeineGedanken und Dein Vorsatz auch wären.