Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
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397
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LcssingS Briefe. 1773.

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Ich kenne Sie, meine Liebe, und ich errathe sehr wohl, warumauch Sie mir in so langer Zeit nichts von sich wissen lassen, welchesSie ein andermal nicht würden gethan haben, wenn die Reihe zuschreiben auch schon eben so wenig an Ihnen gewesen wäre, erlau-ben Sie mir nur, daß ich mich mit einem einzigen dabey schmeichle:damit nehmlich, daß Sie mir wenigstens Ihre Abreise von Wien , undIhr vermuthliches durchkommen dieser Gegend, würden gemeldet ha-ben. Man schreibt mir aus Hamburg , daß man Sie alle Tage da-selbst erwarte. Aber das kann nicht seyn, und es ist unmöglich, daßSle dieser Brief nicht noch in Wien treffen sollte: Oder wenn eSmöglich ist Ich mag mir den Gedanken nicht ausdenken. Siewerden unter unsern Freunden allhier eine große Veränderung finden.Daß Z. verheyrathet ist, habe ich Ihnen ja wohl schon gemeldet.Nun ist es auch <?. und K. Von des letztem Heyrath werden Sieaus Hamburg ohne Zweifel schon mehr gehört haben. Nicht sowohldie Neugierde, seine Frau zu sehen, als vielmehr die Schuldigkeit,mich als seinen Freund, von ihr sehen zu lassen, war mit Ursache,warum ich nach Braunschwcig mußte. (5r ist ehegcstern mit ihr nachPyrmont gereisel, und ich denke, er wird glücklich mit ihr seyn.

Noch will ich auch die Hofnung nicht ganz aufgeben, es einmalzu werde». Was meynen Sie, meine Liebe? Sie glauben nicht, wiesehr ich mich nach ein Paar Zeilen von Ihnen sehne, und wie sehrich sie bedarf. Leben Sie so glücklich, als ich eS wünsche. Ichbin ganz

der IhrigeL.

An Karl G. Lcssmg.

Wolfenbültel, den 14ten Julius 1773.

Mein lieber Bruder,

Ich brauche Dir nicht zu sagen, wie angenehm mir Deine Briefeallezeit sind. Wenn Du Dich aber dadurch, daß ich nicht auf jedengehörig antworte, abhalten lässest, mir so oft, als Dir möglich, einegute Stunde damit zu machen: so strafst Du mich für etwas, wofürich nicht kann. Denn Du glaubst nicht, wie sauer es mir wiederwird, nur ein Paar Zeilen zu schreibe», die einen zusammenhangen-den Verstand haben sollen. Unser Freund Moses hat wir viel Gutesvon Dir gesagt. Du bist fleißig; aber ich bitte Dich, sey es ja so,