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LessingS Briefe. 1773.
viel zu wenig, und Philosophen lange nicht genug sind. Ich bin vonsolchen schalen Köpfen auch sehr überzeugt, daß, wenn man sie auf-kommen läßt, sie mit der Zeit mehr tyrannisiren werden, als es dieOrthodoxen jemals gethan haben.
Aber so sehr, als Du, verachte ich gewisse gelehrte Arbeiten nicht,die, dem ersten Anschein nach, mühsamer als nützlich sind. Die eitleArbeit des Kennicot, wie sie Dir vorkömmt, hat uns zufälliger Weisezu einem Stuck aus den verlernen Büchern des Livius geholfen.
Daß Cacault hier bey mir in Wolfenbüttel ist, wirst Du ohneZweifel schon gehört haben. t?r studiert sehr fleißig deutsche Philoso-phie; und da ich hier fast niemanden sehe, so ist eS mir eben nichtunangenehm, daß er mich alle Abende besucht.
Dein
An Madame König.
Wolfenbüttel , den 27. Iu». 1773.
Meine Liebe!
Wenn ich mich entschuldigen soll, daß ich Ihnen so lange nichtgeschrieben habe: so muß ich Ihnen eine Beschreibung von einem Le-ben machen, das gewiß trauriger und elender gewesen, als Sie esimmer bey Ihren zcitherigen Unruhen und Kränkungen können erfah-ren haben. Aber ich bitte Sie, erlassen Sie mir diese Entschuldigungund diese Beschreibung. Denn wenn ich damit anfangen muß: sosehe ich voraus, kömmt auch dieser Brief nicht zu Stande, welcheswenigstens der zwanzigste ist, den ich seit acht Woche» an Sie anfange.
Nachdem ich drey Monate zu keinem Mensche» gekommen, unddie ganze Zeit auf der Stube oder der Bibliothek zugebracht, wo ichmehr fleißig seyn wollen, als fleißig gewesen: haben mich die Um-stände vorige Woche endlich wieder einmal nach Braunschwcig genö-thigel. Ich habe mich sechs Tage da aufhalten müssen, und bin ge-stern wieder gekommen. Heitrer ein wenig: aber um nichts gebessert.Können Sie glauben, daß ich noch immer nicht weiß, woran ich bin?das Verfahren ist mir unerträglich; und nichts geringeres als Ihrausdrückliches Verbot hat mich abhalten können, einen unbesonnenenSchritt zu thun, den ich dcmohngeachtet doch noch alle Augenblickein der Versuchung bin zu thun. Werde ich ihn anch nicht endlichthun müssen? denn, bey Gott, ich kann es nicht langer ausstehen.t5s muß brechen oder biegen.