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so muß ich Dir sagen, daß ich auf länger als anderthalb Jahre meinganzes Salarium vor einiger Zeit aufnehmen müssen, um nicht ver-klagt ju werden. Urlaube mir nur, daß ich Dir weiter nichts hier-über schreibe; und wer nun noch daran zweifelt, daß es die absoluteUnmöglichkeit ist, warum ich gewisse Pflichten nicht erfülle, mein Ver-sprechen in gewissen Dingen nicht halte, den bin ich sehr geneigt ebenso sehr zu verkennen, als er mich verkennt.
Vor einiger Zeit ließ es sich hier an, als ob man mir glücklichereAussichten machen wollte. öS war der Erbprinz selbst, der mir vonfreyen Stücken Vorschläge deswegen that. Aber ich sehe wohl, daßman mir nur das Maul schmieren wollen; denn seil acht Wochen höreich nichts weiter davon. Ich bin seit dieser Feit auch nicht wieder inBraunschweig gewesen, und fest entschlossen, nicht einen Fuß wiederdahin zu setzen, als bis man die Sache eben so ohne alle mein Zu-thun zu Stande bringt, als man sie angefangen hat. Denkt manaber gar nicht, oder nicht so bald darauf, und läßt man mich erst mitmeiner Arbeit in der Bibliothek fertig werden, so können sie sehr ver-sichert seyn, daß ich für nichts in der Welt mich hier halten lasse;und in Jahr und Tag längstens schreibe ich Dir aus einem andernOrte, als aus Wvlfcnbüttel. Es ist ohne dies zwar recht gut, eineZeitlang in einer großen Bibliothek zn studieren; aber sich darinvergraben, ist eine Raserey. Ich merke cS so gut als Andere, daßdie Arbeiten, die ich jetzt thue, mich stumpf machen. Aber daher willich auch je eher je lieber mit ihnen fertig seyn, und meine Beyträgeununterbrochen, bis auf die letzte Armseligkeit, die nach meinem erstenPlan hineinkommen soll, fortsetzen und ausführen. Dieses nicht thun,würde heißen, die drey Jahre, die ich nun hier zugebracht, muthwil-lig verlieren wollen.
Du fragst mich, wie cS mit Wien sey, und ob man da noch an-stehe, ein Stück von mir mit hundert Lonisd'or zu bezahlen? Ichwill doch nicht hoffen, daß Du Dir einbildest, daß ich Anträge des-wegen gemacht, oder auch nur machen lassen?
Von dem Theater auf die Kanzel zn kommen. Wenn Herr Eberhard mich nicht besser versteht, als Du mich zu verstehen scheinst, sohat er mich sehr schlecht verstanden. So habe ich wirklich, mcynstDu, mit meinen Gedanken über die ewigen Strafen den Orthodoxendie Cour machen wollen? Du mcynst, ich habe eS nicht bedacht, daßauch sie damit weder zufrieden seyn können noch werden? Was gehenmich die Orthodoxen an? Ich verachte sie eben so sehr, als Du; nurverachte ich unsere neumodischen Geistlichen noch mehr, die Theologen