Druckschrift 
12 (1840)
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401
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Lessings Briefe, 1773.

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würde gethan haben, wenn ich nicht auch zugleich die einzige ernst-hafte Hofnung dadurch zu verscherzen fürchten müßte, die ich nochZeit meines Lebens gehabt. Sie wissen, diese Hofnung, meine Liebe,und wenn Sie jemals daran Theil genommen haben: so beschwöreich Sie, verbanne» Sie jeden argwöhnischen Gedanken, der sich Ih-nen von meiner Seite dagegen vorstellen will. Ich habe freylichhöchst unrecht, Sie so oft und so lange ohne Nachricht von mir zulassen: aber schelten Sie lieber auf meine Nachlässigkeit, und aufmeine Kahlmäuscrct), mit der ich mich würklich jetzt nur allzu sehr inTräumerei)-,» und unnöthige Untersuchungen verliere, die mich um allemeine Zeit, um alle meine Heiterkeit bringen. (Warum habe ich auchkeinen Menschen in der Welt, dessen freundschaftlicher Umgang michdavon abzöge?) Schelten Sie, sage ich, lieber darauf, als daß Siesich die geringste quälende Einbildung machen. Wollen Sie das wohl,meine Liebe? Doch ich verspreche Ihnen, daß Sie es auf die Zukunftnicht mehr nöthig haben sollen.

So lange Sie noch in Wien sind, spreche ich noch immer so gernemit jedem, der von daher kömmt, oder dahin reiset. ZZor einigenWochen war der junge Graf von Migazzi , ein Neffe des dortigenerzbischofs, mit einem Jesuiten , der es aber nicht seyn wollte, wohleinige Stunden bey mir. Sie können sich leicht einbilden, daß dasGespräch auch auf S. kam, und daß ich mir nicht den geringstenZwang anthat, meine (nupsindlichkcit und Verachtung gegen ihn zuverbergen. Ich wünschte nur, daß ihm ein Theil von meinen Redenzu Ohren kommen möchte, damit er doch wüßte, wessen er sich zumir zu verschen hätte.

Ter Herr v. Gebier hat auch wieder an mich geschrieben, und ichbin ihm nun wohl auf drey Briefe eine Antwort schuldig. Was ra-then Sie mir: ob ich auch ihm lieber gar nicht antworte? denn ichsehe doch, daß dem Manne um nichts zu thun ist, als um Beyfallund Schmeichelet), deren ich schon zu viel au ihn verschwendet habe.Ich hoste, daß seine Stücke besser werden sollten, aber sie wer-den immer schlechter und kälter. Wenn nichts als solcher Bettel inWien gespielt wird, so haben Sie sehr recht, das Theater nicht zubesuchen.

Was Sie mir von Ihren Angelegenheiten melden, meine Liebe,davon weiß ich nicht, ob cS mich vergnügter oder mißvergnügter ma-chen soll. Also noch den ganzen insiehcnden Winter, besorgen Sieanfgchaltcn zu werden? Wenn denn nur alles so ausfällt, wie Siees wünschen! Der Zeitvertreib aber, den Sie sich auf den Winter ma-Leffmgs Werke xii> 26