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12 (1840)
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LcssingS Briefe. 1774.

Scheidewand »icdcr, und macht uns unter dem Verwände, uns juvernünftigen Christen zu machen, zu höchst unvernünftigen Philoso-phen. Ich bitte Dich, lieber Bruder, erkundige Dich doch nur nachdiesem Punkte genauer, und siehe etwas weniger auf das, was unsereneuen Theologen verwerfen, als auf das, was sie dafür in die Stellesetzen wollen. Darin sind wir einig, daß unser altes RcligionSsy-stcm falsch ist: aber das mochte ich nicht mit Dir sagen, daß es einFlickwerk von Stümpern und Halbphiloscphen sey. Ich weiß keinDing in der Welt, an welchem sich der menschliche Scharfsinn mehrgezeigt und geübt hatte, als an ihm. Flickwerk von Stümpern undHalbphilosophen ist das ReligicnSsysiem, welches man jetzt an dieStelle des alten setzen will; und mit weit mehr Einfluß auf Vernunftund Philosophie, als sich das alle anmaßt. Und doch verdenkst Tues mir, daß ich dieses alte vertheidige? Meines Nachbars Haus dro-het ihm den Einsturj. Wenn es mein Nachbar abtragen will, so willich ihm redlich helfen. Aber er will es nicht abtragen, sondern erwill es, mit gänzlichem Ruin meines HauseS, stützen und uutcrbaneii.Das soll er bleiben lassen, oder ich werde mich seines einstürzendenHauseS so annehmen, als meines eigenen.

Bey diesen Gesinnungen kannst Du Dir leicht einbilden, daß ichauf einen Angriff von T ° ° sehr gefaßt bin. Laß ihn mir kom-men; wir wollen doch sehen, wer den andern nach Hause leuchtet.Sobald etwas zum Vorschein kömmt, schicke mir eS ja. Aber ichdenke--

So weit war dieser Bries seit vielen Tagen geschrieben, als ichDein letztes durch Herrn Eroßmann erhielt, lind so könnte ich Dirmehr angefangene Briefe schicken. Du siehest also wohl, daß DeinVerdacht, als ob ich Dir darum so lange nicht geschrieben, weil ichDir meine offenherzige Meynung von Deinen Komödien nicht sagenwolle, ganz ungegründet ist. Ich dächte, Du hättest Beweise, daßich gewohnt bin, in diesem Punkte gegen Dich gar nicht hinter demBerg« zu halten. Die Sache ist ganz anders, und ich muß Dir dieWahrheil bekennen, ob ich gleich wohl fühle, daß ein anderer, alsmein Bruder, mir dieses Bekenntniß noch übler nehmen könnte, alsselbst ein mißbilligendes Urtheil. Ich habe Deine Stücke eigentlichnoch nicht gelesen. Wenn Dich dieses zu sehr befremdet, so muß ichDir sagen, daß ich den Götz von Berlichingen auch nur erst seit ge-stern gelesen habe, und »och nicht einmal ganz. Als ich Dich umDeine Stücke bat, hatte ich wieder einen kleinen Thcateranfall. Abereben so gut, daß diese Anfälle bey mir nicht lange dauern, und ge