Messings Briefe, 1774.
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An Gleim.Wolfenbüttel , d. 27. Februar 1774.
Liebster Freund,
Sie müssen mir verzeihen, daß ich Ihren Halladat über die ver-gönnte Feit behalten habe. Ich befinde mich seit acht Tagen so übelan Seele und Körper, (doch mehr an jener) daß ich die nöthigstenDinge versäumen muß, weil mir Hand und Kopf ihre Dienste ver-weigern. Ich habe aber vor diesem Zufall das Mannscript nochmalsinit vielem Vergnügen gelesen; und mit um so viel größerm, weil ichversichert war, in allem und jedem nur meinen Freund Gleim zulesen. Was ich in meinem Vorigen von irgend einer Ähnlichkeit mitirgend einem alten ausländischen Werke geträumt, muß bloß aus ei-nigen einzelnen Fügen entstanden seyn, die mir aus einer so eigenenorientalischen Philosophie zu fließen geschienen, daß ich mehr als bloßangenommenen Ton darunter vermuthete. Ich würde mich desfallsbesonders auf N. 4V, der Zweifler/ berufen, wenn ich mich itzt imStande fühlte, meine Gedanken verständlich zu machen. —
Ich freue mich sehr, daß Sie übrigens sich besser befinden. Aberwenn ich den Halladat noch so lange bey mir behalten wollte, bis ichmich besser befinde, und diesen Brief so ausschreiben wollte, wie ichwünschte: so möchte ich jenen wohl noch lange behalten müssen, unddiesen nicht so bald ausschreiben können. Urlauben Sie wir also,daß ich abbreche, und alles übrige auf die crsie gesunde und heilereStunde »erspare.
Ganz der Ihrige_ Lessing.
An Madamc König.
Wolfenbüttel , den 8. April 1774.
Meine Liebe!
Bey allem, was heilig ist! wen» ich die ganzen langen vierMonate, in denen ich nicht an Sie geschrieben, einen einzigen ver-gnügten oder nur ruhigen Tag gehabt hätte, so könnte mir selbstmein Stillschweigen nicht anders als sehr schurkisch vorkommen. DaSwäre der wahre Ausdruck dafür! Und nun, wollen Sie mich nochfür schuldig halten? Verwünscht sey jedes Wort, das Ihnen in mei-nem letzten Briefe zu dem geringsten Verdachte Anlaß gegeben! Aber