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Lessings Briefe. 1774.
daraus sehe» Sie auch, wie dumm und unbesonnen ich in den Taghinein schreibe und rede/ wenn ich das Herz voll Verdruß und Gallehabe. Was kann ich denn besser thun, als daß ich meine Raserey nurin der Stille abwarte, und keinem Menschen damit beschwerlich falle?Aber Ihnen sollte ich es doch sagen- Sie? Gerade Ihnen am wenig-sten. Und wahrlich, ich schriebe Ihnen noch nicht, wäre nicht eineinziger Umstand in Ihrem Briefe, auf den ich zu jeder andern Zeitgewiß nicht geachtet hätte. Nehmlich der mit Hcydelbcrg.
Was Sie mir davon melden, ist mir ganz neu, und ich wünschteallerdings, daß man mit auf mich einiges Absehen haben wollte. Dennhier ist es länger nicht auszuhalten. ES wird von Tag zu Tag schlim^mcc, und die bereits seit anderthalb Jahren verkümmerten Salariawerden es gewiß mit nächsten noch mehr werd-n. Von dem Erbprin-zen, wie ich Ihn nunmehr kenne, wenn er heute oder morgen zur Re-gierung kommen sollte, kann ich mir gewiß versprechen, daß er dieganze Bibliothek mit samt dem Bibliothekar lieber verkaufen wird, sobald sich nur ein Käufer dazu findet. Aber, wie ist es anzufangen,daß man dort an einen Mann denkt, dessen Namen man vielleichtnicht anders, als in der Komödie gehört hat? Die verwünschte Komö-die! Zwar erinnere ich mich des Prof. MeycrS sehr wohl. Als ermich auf seiner Rückreise hier besuchte, äusserte er sogar, daß manmich zu Manheim zu haben wünschte oder gewünscht hätte. Alleinan ihn nun zu schreiben? Mich anzubieten? Ich würde mit mehrererFreudigkeit in den Tod gehen. Und zu was sollte ich mich auch an-bieten? Ein Mensch, wie ich, wenn er sich anbietet, scheint überallsehr überflüssig zu seyn; wenigstens mag man ihn nicht anders, alsso wohlfeil haben wie möglich. Dieses bey Seite gesetzt, ist Ihr Ein-fall allerdings sehr gut. Und ich habe nicht darüber gelacht, meineLiebe. Ich würde mich im Ernst darüber haben freuen können; wennich es nicht verschworen hatte, mich jemals wieder auf Hofnung zufreuen. Wissen Sie indeß unter der Hand etwas dabey zu thun: sohaben Sie alle Vollmacht; und ich bitte Sie recht sehr darum, mires wenigstens zu schreiben, was Sie mehr von der Sache hören sollten.
Ihren Herrn Schwager habe ich nicht gesehen. Denn Sie mey-nen doch, daß er hier durchgereiset seyn dürfte? Wenn er in Ham-burg zu bleiben wünschet, so wünschen sich andere um so mehr heraus.Wie eS unser», Sch- geht, werden Sie vermuthlich schon wissen. DasHerz will mir zerspringen, wenn ich besonders an sie und die Familiedenke. Er mag freylich wohl nicht so in allen Dingen zu cntschnldigcn