Druckschrift 
12 (1840)
Entstehung
Seite
434
Einzelbild herunterladen
 

434

Lcssings Briefe. 1775.

Ihren Kindern! Wie Ihre Reise abgelaufen ist/ bin ich äußerst be-gierig zu erfahren. Ich bin den ganzen Weg mehr mit Ihnen gefah-ren, als mit dem Pr. ; das glauben Sie mir doch wohl? Wenn mirdas Opfer, das ich dem Pr. gemacht habe, nicht auf eine andre Weisewieder ersetzt wird, so werde ich eS Zeitlebens bedauern- Dennwahrlich von der Reise selbst habe ich weder viel Vergnügen, nochviel Nutzen.

Ich hoffe, daß ein Brief von Ihnen an mich unter WegenS ist.Auch schreibe ich Ihnen noch gewiß einmal aus Italien . Und nun,meine Liebe, lassen Sie sich tausendmal von mir in Gedanken umar-men, und erhalten Sie mir Ihr Herz, dessen ganzen Werth ich kenne,und in dessen Besitze allein ich noch auf den Rest meines Leben-glücklich zu scvn hoffen darf. Leben Sie wohl, leben Sie recht wohl,und küssen Sie Ihre Kinder für mich in meiner Seele.

Der Ihrige

G. E. L-

?ln Madame Konig.

Florenz , d. 40- Ju». 1775.

Meine Liebe!

Ich bin in der äußersten Verlegenheit, daß ich bis auf den heu-tigen Tag keinen andern Brief von Ihnen habe, als den vom 29, Aprilaus Wien . Ich weiß also nicht, ob und wie Sie abgereiset sind, unddarf gar nicht daran denken, baß Sie wohl gar eine Krankheit an derAbreise und am Schreiben bisher gehindert. Meine beyden Briefe,den einen aus Mayland, und den andern auS Venedig, werden Siedoch wohl erhalten haben. Jenen habe ich an den jungen Herrn vonLutz eingeschlossen, und den andern, unter der alten Addrcsse von-nertS abgehen lassen. Diesen dritten schreibe ich bloß, um Ihnen zumelden, daß ich endlich wieder auf der Rückreise zu seyn glaube. Dennwir gehen noch heute von hier nach Turin ab. Sollte cS das Unglückwollen, daß wir uns da eine Zeitlang aufhalten müßten: so schreibeich Ihnen noch einmal von da aus, um Ihnen zuverlässig zu melden,wenn ich wieder in Wien zu seyn hoffen darf. Wahrhastig, ich sehnemich herzlich wieder nach Deutschland. Denn in dieser Hitze in Ita-lien herum reisen, um sich zu besehen, welches man an Ort und Stelledoch wenigstens die Nacht nicht thu» kann, ist eine Sache, die michgewaltig mitnimmt. Gesund bin ich zwar noch so ziemlich, aber eSist mir doch immer, als ob das so lange nicht mehr dauern könnte.