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Lcsstngs Briefe. 1776.
Meine liebe Schwester,
Dein Brief hat wich in die äußerste Unruhe gesetzt. Gebe dochGott, daß dieser Brief unsre liebe Mutter nicht nur noch am Leben,sondern auch, so viel als bey ihren Umstanden möglich, wiederherge-stellt finden möge! Daß ich nicht längst geschrieben, daran ist nichtallein meine Lerheyrathnng schuld, sondern auch eine gleich darauferfolgte Unbäßlichscit. Die liebe Mutter wird es mir verleihen, wennich ihre ausdrückliche Einwilligung zu meiner Lcrhcyrachung nicht vor-her cingchohlt habe. Sie würde mir sie doch nicht verweigert haben,und »ach dem, was ich an Thcophilus davon geschrieben, hielt ichmich ihrrr Vergebung einer versäumten Formalität versichert. IhrSegen, den Du mir überschrieben, hoffe ich soll beglciben. Dennmeine Frau ist in allen Stücken so, wie ich mir sie längst gewünschthabe. Eben so herzlich gut und rechtschaffen, als wir nur immer un-sere Mutter gegen unsern Laler gekannt haben. Sie empfiehlt sichihr und Dir vielfältig, und es ist eine von unsern angenehmstenHoffnungen, Euch künftigen Sommer zu besuchen. Ein andermalmehr von ihr. — Itzt eile ich nur, Dir in der Geschwindigkeit so vielzu schicke», als ich gleich bey der Hand habe. Ich reise nächster Tagenach Mannheim , wo ich einige Wochen bleibe. Sobald ich wieder-komme, und meine Pension daselbst erhoben habe, schicke ich gewißein mehrercS.
Küsse unsre liebe Mutter für mich tausendmal, und ermangele janicht, mir bald von ihr wieder Nachricht zu geben. Ich bin
Dein
Wolfenbüttel, den 27 Novb. treuer Brude-
1776. Gottheit.
An Karl G. Lessing.
Wolfenbüttel , den 1. Tcc. 1776.
Mein lieber Bruder,
Erst vorgestern habe ich die Kiste mit Büchern erhalten, auf dieich so lange und so sehnlich gewartet. Ich sehe freylich, daß wederDu noch Herr Voß an dieser Verzögerung Schuld hat, weil derFrachtbrief bereits zu Anfange des vorigen MonathS dalirt ist. Indeßist sie doch zuui Theil die Ursache, warum ich Dir nicht längst geant-wortet. Zum Theil, sage ich; denn ich habe noch zwei andre sehr