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Lessings Briefe. 1777.
zu den Kosten der Leichenbestattung noch wirst nöthig haben, und seyversichert, daß bald mehr folgen soll.
Was macht TheophiluS? Er hat an meine Frau in meiner Ab-wesenheit geschrieben, und Hoffnung gemacht, uns diese Ostern zu be-suchen. Er hält doch noch Wort? Wir erwarten ihn alle Tagemit Ungeduld.
Meine Frau grüßt Dich bestens, und ich bin lebenslang
Liebster Bruder,
Dein Brief ist mir einer von den angenehmsten gewesen, die ichnach meiner Rückkunft von Manheim erhalten. — Aber ich fangean, Dir von meiner Rückkunft zu sagen, ehe ich Dir noch von mei-nem Aufenthalte daselbst gesprochen. DaS geschieht, weil von gewissenDingen sich gar nicht sprechen läßt. Sprechen zwar wohl, aber nichtschreiben. Man schreibt immer zn wcnig oder zu viel, wenn manbey sich selbst noch kein Resultat gezogen. Im Sprechen aber kannman sich alle Augenblicke corrigiren, welches im Schreiben nicht an-geht. So viel dürfte ich Dir im Vertrauen doch fast sagen: daßauch die Manheimer Reise noch bis jetzt inner die Erfahrungen ge-hört, daß das deutsche Theater mir immer fatal ist; daß ich mich niemit ihm, es sey auch noch so wenig, bemengen kann, ohne Verdrußund Unkosten davon zu haben.
lind Du verdenkst es mir noch, daß ich mich dafür lieber in dieTheologie werfe? — Freylich, wenn mir am Ende die Theologie ebenso lohnt, als das Theater! — Es sey! Darüber würde ich mich weitweniger beschweren; weil es im Grunde allerdings wahr ist, daß esmir bey meinen theologischen — wie Du es nennen willst — Nccke-reyen oder Slänkereyen, mehr um den gesunden Menschenverstand,als um die Theologie zu thun ist, und ich nur darum die alte ortho-doxe <im Grunde tolerante) Theologie, der neuer» (im Grundeintoleranten) vorziehe, weil jene mit dem gesunden Menschenver-stände offenbar streitet, und diese ihn lieber bestechen möchte. Ich ver-trage mich mit meinen offenbaren Feinden, um gegen meine heimli-chen desto besser auf meiner Hut seyn zu können.
Dein
Wolfenbültel,d. 20 März 1777.
treuer BruderGolthold.