SesstngS Briefe. 1780. 543
Meine liebe Tochter,')
Ich habe Deinen Brief vom 4tcn dieses/ bey Gott, erst gesternerhalten. Nun hatte ich Dir zwar versprochen, Dir zu schreiben, ohneDeine Briefe abzuwarten. Allein JacobiS kamen, kurz nach DeinerAbreise, und schleppten mich mit nach Halbcrstadt, wo ich einige Tagenicht unangenehm zugebracht habe. Der alte Gleim wollte sich garnicht zufrieden geben, daß Du nicht mitkämst; und freylich wäre cSbeßcr gewesen, wenn Du Dich lieber auf diese kleine Reise eingeschränkthättest, als daß Du so eine große und lange unternommen, der DeineKräfte nicht gewachsen sind-
Weil ich indeß doch hoftc, daß sie es seyn würden, und ich nichtzweifeln konnte, daß es Dir unter Deinen Anverwandten, die Du wür-dest kennen lernen, nicht an Vergnügen und Zerstreuung fehlen könnte:so machte ich mir so weniger Bedenken, das Schreiben an Dich zuuntcrlasscn; als öftrer wir an Dich dachten.
Vergicb mir, wenn ich Dir unnbthigen Kummer gemacht habe.Diese kleine Reise ist mir ausnehmend wohl bekommen; und es solltemir ewig leid thun, wenn sie Ursache gewesen wäre, daß Dir Deinegroße nicht bekommen. Doch noch habe ich guten Muth, und hoffe,daß mich der Bruder nächsten Posttag außer allen Sorgen setzen wird.
Es wird ein kleiner Zufall Deines alten Übels seyn; und ichwill hoffen, daß es in Eschwciler auch nicht an einem geschickten Arztefehlet, der mit seiner Cur etwa nicht Übel ärger macht.
Wenn du selber schreiben kannst: so schreibe mir ja selber!
Fritze befindet sich wohl, außer daß ihm ein groß Unglück be-gegnet, welches ihm viel Thränen gekostet, und mich fast zu lachengemacht hat. Sein rother Rock ist ihm, wie vom Leibe, gestohlen worden.
Engelbert befindet sich auch wohl; und ist mit dem Cantor zuMesse gewesen. An Theodor habe ich bereits vor 14 Tagen geschrieben,und bin alle Tage seine Antwort erwartend.
Indeß, so richtig allcö bey uns steht: so vermissen Fritz und ich,Dich doch sehr; und bitten Dich, sobald als möglich wiederzukommen.
Zweifle keinen Augenblick wieder an meiner Gesundheit; und suchenur Deine zur Rückreise wieder in Ordnung zu bringen; zu welcherDu hoffentlich weniger Hitze und Staub haben wirst.
') Bei dem erste» Bande von Lessings Werken i» einer Auswahl, Do-nauö'schingcn im Verlage deutscher Klassiker, 1822, ist ei» Facsimile diesesBriefes, „welchen des Verfassers Stieftochter, die Frau Postdircctorin Hcn-ncbcrg von Braunschwcig, gcbornc König, dem Herausgeber iLcrrn EisclcuHmllzulhcilcn die Güte gehabt."