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war. Eine Kleinigkeit nur liegt mir auf dem Herzen. Ich fürchte,daß mit meiner Krankheit eine MetastasiS vorgegangen und sich dieklatoria iieocims völlig von dem Körper auf die Seele geworfen. Ichspreche mit der Schwester eines Arztes/ den ich wohl im Vertrauen fra-gen möchte, ob er schon mehrere Erfahrungen von dem vorgeschriebenenKräuterthee habe, daß er so etwas zu bewirken pflege. — Weil ichgerne Weihnachten wieder nach Hamburg kommen möchte- so habe ichseit meiner Rückkunft auf nichts als auf das dramatische Stück gedacht,ohne das ich nicht kommen darf. Aber können Sie wohl glauben,wie weit ich schon damit bin? Weyhnachten wird kommen, und ich binnoch nicht mit mir einig, ob es eine Komödie oder Tragödie werden soll.
So vertutzt, so unentschlossen, so mißtrauisch bin ich in michselbst, bin ich in allem und jedem Stücke.
Lassen Sie mich lieber nicht weiter davon sprechen: sondern nochein Paar andre Acht Tage abwarten. —
An Scehausen") kann ich mich nicht enthalten Antheil zunehme».Wissen Sie, wenn man nach der Strenge mit ihm verfährt, daß esbey Vätern und Söhnen wieder auf So Jahre in Hamburg um alleLitteratur geschehen ist? Lehrt die Litteratur das? wird man sagen.Und allerdings lehrt sie so etwas. Sie lehrt oder gewöhnt, ohne sichein Gewissen daraus zu machen, sremdc Gedanken, als die unsrigenzu nutzen. Und wer das Eigenthumsrecht in so einer Kleinigkeit ver-letzen kann, der kann es auch in grdßern Dingen.
Lassen Sie nur die Doktorin,") in ihrem Tone, als ob ihr nichtsdarum wäre, Dr. Schützen'") fragen, ob besonders die neueren latei-nischen Dichter, — und die stehen doch wohl an der Spitze aller Lit-teratur — nicht Erzdicbe sind, die sich auf ihren Diebstahl noch dazuwer weiß was einbilden; und ob liomo trium iitteiarum im Lateini-schen nicht ein Dieb heißt? DaS aber schon trium! —
Doch im Ernst, meine Liebe, wenigstens vergessen Sie nicht, jc-
') Lucas Vincent Scchusc» wurde wegen seiner i» den Geschäften seinesHandelsherrn gcständlich erwiesenen Untreue, zu welcher er sich durch denJuden Mcvcr Hertz hatte versiihrcn lasse», auf unbestimmte Zeit nach demZuchthausc gesetzt. Er ward 1782 entlassen, aber aus der Stadt verwiese»und sein Name als der eines boshaften Fallitcn an das schwarze Brett ge-schlagen. Lappenbcrg.
") Die Frau des Professor und Doctor Reimarus. Lappenberg.
*") Professor der Eloquenz am Hamburgischcn Gvmnasio, Verfasser ei-ner Geschichte Hamburgs , der Schutzschriflc» für die alten Deutschen, Heraus-geber der altdeutsche» Ucbersctzungc» des alte» Testamentes. Lappenberg.
Lemiigs Merke XI«,
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