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Briefe an Lcssing. t7i16.
will, will ich iwiiicr einige Blätter voll schreiben, und Sie über michmurren lassen. Das Komische soll Ihnen bald vergeben.
Sie haben ganz gewiß keinen Antheil an den Briefen über dc»jetzigen Zustand der schönen Wissenschaften. (') Sie gefallen mirsonst recht gut, aber die wenigsten Verse sind Lcssingsch. Ich erinneremich auch, alle die Urtheile über das Journal okr.inMr. über dieSchweizer , über die Schönaichsche Tragödien, besonders über den Kopf,der dem hohen Priester zu den Füssen geworfen wird, die ich in denBriefen angetroffen, von jemanden gehört zu haben, der sich auchsonst durch die Probe von einer englischen Uebersetzung zu erkennengegeben hat. Wissen Sie aber, wodurch man eigentlich auf den Ge-danken gekommen seyn mag, Sie für den Verfasser dieser Briefe zuhalten? vs war sehr gewiß, daß der Verfasser die Bibel nicht sehrgelesen hat. Er macht sich über einen biblischen Liebhaber in Jacobund Joseph lingeincin lustig, der seine Geliebte einen verschloß-nen Garten, einen versiegelten Brunnen nennet, der ihr die Ga-lanterie vorsagt: es fließe Honig aus ihren Lippen, und unterihrer Zunge wäre Milch. Er schimpft diese Ausdrücke geradezu mitdem verdienten Nahmen nmilenle, Schwulst, Bombast, Aberwitz u, s. w.Aber das Hohelied? Wußte der Tadlcr auch, daß der König Salo-mon diese Redensarten aulorisirt? Nun bedenken Sie, ob es nichtsehr natürlich war, Ihnen diesen Brief zuzuschreiben!
Wollen Sie denn nichts als Komödien schreiben? Wollen Sie diePoesie gar in den Wind schlagen? Sie sind mir ein seltsamer Kopf!Ich glaube, Sie könnten solche vier Iahrszeitcn, des TagcS halb träu-mend diktiren. Der Himmel verleihe Ihnen nur eine arbeitsame Hand!
Lord Shaftsbury sagt irgendwo, das Burleske wäre den Altenganz unbekannt gewesen, und er behauptet, daß diese seltene Figurerst alsdenn aufgekommen, nachdem man angefangen, die Freiheit imDenken mehr und mehr einzuschränken. Man sehe den Unterschied,fährt er fort, zwischen den Jlalianern und Engländern. Jene müssenihre Zuflucht zu einem weithergcholtcn Scherz, zu ihren gewöhnlichenBouffounerien nehmen, wenn sie ihre Gedanken über gewisse Dingecröfnen wollen, statt daß diese nichts schonen, und von allem ihrewahre Meinung rund heraus sagen. Ehe ich dieser Meinung bey-pflichten kann, möchte ich mir erst einen rechten Begrif vom Burleskenmachen. Ich glaube also, es bestehet in der Gcgeiicinandcrhaltungeines sehr wichtigen Gegenstandes mit einem kleinen und verächtlichen
(') Von Herrn Nicolai.