Briefe an Lessing. 17Zl>.
colai sehr oft in seinem Gatten, (Ich liebe ihn wirklich, theuresterFreund! und ich glaube, daß unsre Freundschaft noch dabey gewin-ne» muß, weil ich in ihm Ihren wahren Freund liebe.) Wir lesenGedichte, Herr Nicolai liest mir seine eignen Ausarbeitungen vor, ichsitze auf meinem kritischen Richterstuhl, bcwundre, lache, billige, tadle,bis der Abend herein bricht. Dann denken wir noch einmahl an Sie,und gehen, mit unsrer heutigen Verrichtung zufrieden, von einander.Ich bekomme einen ziemlichen Ansatz zu einem Belcspril. Wer weiß,ob ich nicht gar einst Verse mache? Madame Metaphysik mag es mirverzeihen. Sie behauptet, die Freundschaft gründe sich auf eineGleichheit der Neigungen, und ich finde, daß sich, umgekehrt, dieGleichheit der Neigungen auch auf die Freundschaft gründen könne.Ihre und Nicolais Freundschaft hat es dahin gebracht, daß ich dieserehrwürdigen Matrone einen Theil meiner Liebe entzogen, und ihn denschönen Wissenschaften geschenkt habe. Unser Freund hat mich sogarznm Mitarbeiter an seiner Bibliothek gewählt, aber ich fürchte, erwird unglücklich gewählt haben.
Der zweyte Theil des Mefsias hat mir an vielen Stellen über-aus wohl gefallen, und ich schreibe es meiner Religion zu, daß ermir nicht allenthalben gleich gefallen hat. Der 8te und Ne Gesangschien mir etwas langweilig, der töte hingegen alle vorhergehende zuübertreffen. Besonders sind einige Hymnen, einige entworfene Cha-raktere, und das Gespräch Satans mit Adramclech, meines ErachtenS,Meisterstücke. Sonst sind die Charaktere der Hauptpersonen gut sou-teniret, der Knoten einfach geschürzt, und die Auflösung homerischvorbereitet. Der Knnstgrif, den Abadouna wieder auf die Schau-bühne zu bringen, ist so ungekünstelt als meisterlich. Ist aber derPoet nicht unglücklich, daß jetzt selbst, da alles in der stärksten Be-wegung seyn soll, der Held wenigstens lod zu seyn scheinet, nnd dieAktion der übrigen Personen nichts als eine stumme Bewunderung,und eine inbrünstige Andacht seyn kann? Ich sage, er ist unglücklich;denn er hat wirklich alle seine Kräfte angewendet, in die Empfindungder Anwesenden eine kleine Schatlirung zu bringen, die den Scheineiner Aktion hat; aber alle die Heiligen, die er ans den Gräbernnist, können doch nichts anders thun, als anschauen, heilige Händefalten nnd beten. Ja vielleicht ist dieser große Dichter auch darin»unglücklich, daß alle klci»e Umstände seines Subjekts allzu bekanntsind, und daß er nicht den mindcsicn Umstand darum ändern könnte,ohne sich in theologische Streitigkeilen einzulassen. Es wäre mehr alsein Wunder, wenn sich eine Begebenheit so in der Natur zugetragen