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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
Seite
30
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Briefe an Lessing . 1766.

am Ende desselben, und bey der ganzen Scene mit der Sara, vorstarker Rührung nicht habe weinen können; das ist mir noch beykeinem Trauerspiele begegnet, und streitet gewisser Maßen wider meineignes System von der Rührung in den Trauerspielen. Meine Rüh-rung und meine kritischen Anmerkungen, so wohl über Ihr Stück, alsüber die Schauspieler, machten in meinem Kopfe ein wunderlichesGemisch unter einander. Es sind mir bey vielen Stellen Zweifel ein-gefallen. Sie betreffen zwar überall nur Kleinigkeiten; wenn ich sieaber noch auswendig wüßte, oder sonst aufgesetzt hätte, so möchteich sie Ihnen doch wohl schreiben. Vielleicht geschiehet es, wenn Siemir Ihre Anmerkungen über das bürgerliche Trauerspiel zuschicken,und ich eS vielleicht wage, meine Gedanken darüber zu entwerfen.

Ich habe an den meisten deutschen Comödianten einen Fehler be-merkt, den man bey den französischen nicht so oft antrifft, nehmlich,daß sie ihre Rolle nicht verstehen; daher, wenn sie etwas gut machen,gelingt es ihnen nur von ungefähr. Schlichs Leute haben alle diesenFehler, bis auf Brllcknern, der wenigstens nicht leicht eine Stelle,welche etwas sagen will, unbemerkt vorbey läßt, gesetzt auch, daß erden Nachdruck, welchen sie erfordert, nicht auf die rechte Weise aus-drücken sollte. Die Mad. Hensel hat unter ander» auch diesen Feh-ler, der daher zu rühren scheint, daß sie gar keine oder sehr schlechteAnweisung muß gehabt haben °). Sie hat aber sehr gute natürlicheAnlagen. Zwar sagte sie viele Stellen in der Rolle der Sara, diesie nicht genug einsah, matt und zum Theil falsch, aber sehr viele auchungemein gut, und verschiedene Stellen unverbesserlich, sonderlich die,wo sie von der Marwood erkannt wird, und die letzle Scene. Dieseletzte Scene muß der Actrice, wegen der Situation selbst, und wegender Länge, welche sie darin verharret, sehr schwer seyn; aber sie hatmeine Erwartung übertreffen. Herr Brückner findet hier sehr vielBeyfall, und ist auch allen Schnchischcn Acleurs unendlich vorzuziehen;aber es scheint, als fehle ihm doch noch sehr viel. Er cntrirt nichtganz in den Charakter, den er vorstellet. Ich habe ihn sehen den Barn-well, den Godewin im Canut, nnd den sücii'i'oux machen, und allediese drey verschiedenen Charaktere hat er zwar gewissermaßen unter-schieden gespielt, aber doch auf einerley Art nüancirt; er kann alsoentweder seine Manier (malerisch gesprochen) nicht verläugne», oderin den Charakter, den er spielen soll, nicht genug hinein gehen. Sie

*) Wie sehr sich diese zweyte Schauspielerinn, nachdem sie Eckhoff sah,und unter Anleitung ihres zweyten Mannes, besserte, ist bekannt. Nicolai.