Briefe .111 Lessing. 1756.
Grimassen. Außer dieser Stelle blieb ihr Gesicht bey den heftigstenGemüthsbewegungen ruhig; aber um dieses zu ersetzen, hob sie alleAugenblick ihre rechte geballte Faust mit eingekniffnen Daumen inhalbzirkelförmigcr Bewegiing gegen das Gesicht dessen, mit dem sieredete, und schlug sich mit der linken bey jedem mir oder mich, flei-ßig vor den Brustlatz. Ich weiß gar nicht, warum Schuch dieseRolle nicht die Mao. Brückuerin hat spielen lassen. Was würde dienicht aus dieser Rolle gemacht haben!
Da haben Sie eine kleine Beschreibung der Art, wie Ihr Trauer-spiel ist aufgeführet word Vergeben Sie mir meine Schwatzhaftig-keit, und melden Sie irir Ihre Meynung von Herrn Brückner.
Ich hoffe, Sie werden nun meinen Brief über Amsterdam erhal-ten haben, worin ich wohl noch schwatzhafter gewesen bin. Ich hatteIhnen darin einen langen und etwas verwickelten Auszug meiner Ab-handlung vom Trauerspiele gemacht. Ich weiß nicht, ob Sie sichdarin haben finden können; aber das weiß ich, daß wen» ich hättevoraus sehen können, daß der Abdruck sich so lauge verzögern würde,so hätten Sie dieselbe ganz im Manuscripte lesen sollen. Dann wäresie gewiß nicht so geblieben, wie sie jetzt ist; aber ich wäre ohne Zwei-fel besser damit zufrieden, als ich cS jetzt bin. Dies ist kein Compli-ment. Ungeachtet ich ein Vierteljahr von Rebenstundcn zugebrachthabe, darauf zu denken, und ein Vierteljahr zu schreibe»; so bin ichdoch nicht ganz völlig mit den Sachen, noch weniger mit der Verbin-dung, worin sie vorgetragen sind, und am wenlgsien mit der Schreib-art zufrieden. Doch sie muß sich schon in die Welt wagen, wie ficist. Wenn Sie die Abhandlung sehen, so machen Sie mir keineComplimente, sondern sagen Sie mir Ihre Meynung, und das feinausführlich; denn ich bin sehr entschlossen, dieser Materie weiternachzudenken.
Sie werden sie aber noch so bald nicht zu sehen bekommen. Un-ser Verleger in Berlin ist ein Phlegmaticus, mit dem nichts anzufan-gen ist. Der Krieg liegt ihm im Kopfe; es fehlt an Papier; derBuchdrucker, bey dem das Manuscript schon seit einem halben Jahreist, hat viel zu thun; kurz eS ist noch nicht angefangen zu drucken.Ich habe deswegen in der Messe eine kleine zweyte Nachricht drucke»lassen; aber Gott weiß, was er damit gemacht, und ob er sie auf derMesse ausgetheilet hat. Hier wenigstens hat sie noch kein Mensch gesehen.Ich schicke Ihnen aber ein Exemplar hierbei). Thun Sie wir dochdie Liebe, und lassen eS in den Leipziger gelehrten Zeitungen bekanntmachen. Wofern Sie Unkosten haben, will ich sie gern erstatten.LMigs Witte xm. z