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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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32
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Briefe an Lessing. 176k.

zu dem engläiidischen Entschlnsse, den er den Augenblick darauf nahm!Es war ganz widersinnig. Mir schien cS wenigstens sehr unwahr-scheinlich, daß ein Mensch, der sich noch den Augenblick vorher so vielMühe gegeben hatte, wellenförmige Linien mit den Armen zu drehe»,Miene machen sollte, sich einer Geliebten wegen, die schon todt ist,zu erstechen. Ja, wenn sie noch gelebt hätte, und er hätte bloßMiene gemacht, so möchten beyde Arten von Action zusammenhängendgeschienen haben.

Ich habe diesen Schauspieler bloß deswegen so sorgfältig betrachtet,weil er durch die vorzügliche Art, womit/ r seine Rollen ausführt,der einzige unter Schuchs Leuten isi, der rerdicnet, daß man auf ihngenauer Acht giebt. Wenn ihn nur Schuchs Gesellschaft nicht vollendsverdirbt! Bis jetzt hat er sich noch gehalten, und keine extempo-rirten Stücke mitgespielt. Schreiben Sie doch an ihn, und ermunternSie ihn zu fernerer Forlsetzung dieses lobcuSwürvtgen Stolzes.

Herr Stenzel hat seinen Sir Sampson, sonderlich in der letztenScene, ganz gut gemacht; solche Rollen sind recht für ihn.

Stephanie hat den Waitwell erträglich, aber gewiß nicht so ge-macht, als ihn Schröder von der Ackermannischen Gesellschaft würdegemacht haben').

Die Jungfer Beckin hat die Ehre, daß ihr verschiedene Personen,die von der tragischen Action etwas verstehen wollen, das Lob geben,sie habe die Rolle der Maarwood sehr gut gespielt. Ich weiß nicht,ob ich zu kritisch bin; aber mich dünkt, sie verdient wenig oder garkein «ob. Es ist wahr, daß sie diese Rolle weniger schlecht als an-dere gemacht hat, und es scheint, als wenn sie sich wirklich Mühe ge-geben hätte, sie gut zu machen; aber man sah eS auch, daß sie sichMühe gab. Diese Person ist zur Schauspielerin nicht geboren, we-nigstens nicht zu einer tragischen. Fürs erste verstand sie ihre Rollefast immer nicht, sondern machte vieles ganz falsch; der Ton ihrerSprache half ihr gar nicht zum Ausdrucke, noch weniger ihr Gesicht.Als sie an der Stelle, wo sie sich der Sara zn erkennen giebt, einetrinmphirend boshafte Miene machen wollte, machte sie abscheuliche

*) Die Ackcrmannischc Gesellschaft war vorher i» Berlin . Sie spicltcda nur etwa acht Tage, weil Schlich aus Neid mit Extrapost von Brcslauankam, um die Vorstellungen zu unterbrechen. Aber diese sechs oder achlVorstellungen waren mir ungcmein lehrreich. Besonders erinnere ich michnoch lebhaft, wie meisterhaft Ackermann den enizländischcn Spieler, nndSchröder (ich vermuthe, es war der Vater des jetzigen berühmte» Schauspie-lers) den Jarvis i» diesem Stucke machte. Nicolai.