Briefe an Lcsstng. 1750.
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Wenn wir an einem Menschen gute Eigenschaften gewahr werden,die nnsrc Meinung, die wir von ihm oder von der ganzen menschli-chen Natur gehabt haben, übertreffen, so gerathen wir in einen an-genehmen Affekt, den wir Bewunderung nennen. Da mm eine jedeBewunderung iingemcin gute Eigenschaften zum Grunde hat, so mußdieser Affekt schon an und für sich selbst, und ohne in Absicht desMitleidcns, dessen die bewunderte Person entbehren kann, in demGemüthe des Zuschauers ein Vergnügen zuwege bringen. Ja c§ »ins;sogar der Wunsch in ihm entstehen, dem bewunderten Held, wo esmöglich ist, nachzueifern; denn die Begierde zur Rachciferung ist vonder anschauenden Erkenntnis; einer guten Eigenschaft unzertrennlich,nnd ich werde nicht nöthig haben, Ihnen die Erfahrung anzuführen,daß diese Begierde öfters die vortreflichste Wirkung gehabt hat.
Ich gestehe cS, daß die Bewunderung öfters das Mitleiden mil-dert, oder, wenn Sie wollen, auf eine Zeitlang gänzlich aufhebt, daswir vorhin der leidenden Tugend aufgeopfert hatte». Allein sie thutdieses nicht immer, und wenn sie es thut, so ist es blos eine zufälligeWirkung, die unmöglich ihren ganzen Werth erschöpfen kann, weil sieihr mit dem völligen Tode des Helden gemein ist. Die todte Zayrcfordert ebc» so wc»ig unser Mitleiden, als der sterbende GuSmann,u»d dennoch ist es etwas mehr als ein gedämpftes Mitleiden, dasnnS in den« vortrcflichcn Betragen dieses Letzter» dahin reißt, lind,wo ich nicht irre, in jeder menschlichen Brnst den Wunsch erzeugt,eben so erhabner Gesinnung fähig zn seyn. Wenn Miihridatcs inden bedrängtcsicn Umständen, darin» er sich befindet, noch mit einemAnschlage auf Rom schwanger geht, und seinen Söhnen den Plandazu so vortreflich aus einander setzt, daß wir sogar die Möglichkeitder Ausführung einsehen; so erregt er unstreitig Bewunderung. Hataber Mithridates mißliches Schicksal im Kriege wider die Römer unsje zum Mitleid bewogen? Würde es nicht ei» «»vergeblicher Fehlerdes Dichters seyn, wenn er ein Mitleiden dämpfen wollte, das gleich-sam außer der Scene vorgegangen und in die Verwickelung kaum denallcrcMfcrmcstc» Einfluß hat? Bitten Sie also die Bewunderung, dieseMutter der Tugend, um Verzeihung, daß Sie von ihrem Werthe sonachthcilig gedacht haben. Sie ist nicht blos ein Rnhcpunkt des Mit-lcidenS, der nur deswegen da ist, um dem vo» »cuem aufstcigciide»Mitleiden wieder Platz zu machen; nein! die stnnlichc Empfindung desMitlcidcnS macht ci»er höher» Empfindung Platz, n»d ihr sanfterSchimmer verschwindet, wen» der Glanz der Bewunderung unserGemüth durchdringt. Die Bewunderer der Allen möge» zusehe», wie
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