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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
Seite
36
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Briefe an Lessing .

sie es entschuldigen wollen, daß die größten Dichter Griechenlands niebewundernswürdige Charaktere auf die Bühne gebracht haben. Soviel mir von ihren Trauerspielen bekannt ist, weiß ich mich nichteinen einzigen Zug eines Charakters zu erinnern, der von Seiten sei-ner Moralität unsere Bewunderung verdienen sollte. Ihre Bildhauerhaben sich diesen würdigen Affekt besser zu Nutze gemacht. Sie habendie Leidenschaften fast durchgehende von einem gewissen Heroismus be-gleiten lassen, dadurch sie ihre Charaktere etwas über die Natur erhe-ben, und die Kenner gestehen, daß ihre Bildsäulen von dieser Seitefast unnachahmlich sind.

Ich will mein langweiliges Geschwätz hier abbrechen. Meine Ge-danken vom Schrecken und vom Weinen kann ich Ihnen nicht ehercröfnen, bis ich mich mit unserm Hrn. Nicolai darüber besprochenhabe. Es scheint mir immer, als wenn eine jede Illusion vomSchrecken, auch ohne Beyhülfe des MitleidenS, angenehm sey» müsse. EinBeyspiel davon sey die vom Aristoteles angeführte gemahlte Schlange,oder vielmehr die von Ihnen selbst angeführte Erscheinung eines Gei-stes auf der Schaubühne. Die Art und Weise, wie Sie diesesSchrecken auf ein Mitleiden rcduciren wollen, ist allju spitzfindig, alsdaß sie natürlich seyn konnte, lieber alles dieses wollen wir unsweitläufiiger heraus lassen, wenn wir erst unsere Gedanken von derWirkung der theatralischen Illusion, und von dem Streite derselbenmit der deutlichen Erkenntniß, in Lrdnnng gebracht haben. Diesessoll geschehen, so bald der Krieg die Handlung so sehr zu Grunde ge-richtet haben wird, daß sowohl Herr Nicolai als ich einige Stundenzur Speculation übrig baben werden. Ich lasse jetzt meine Gedankenvon der Wahrscheinlichkeit abschreiben, um sie Ihnen zu überschicken.Sie werden mir verzeihen, daß ich die Geduld unsers Hrn. Nicolainicht gehabt habe, die besten Gedanken daraus in einen Auszug zu-sammen zu ziehen, um Sie der Mühe zu überheben, alles dnrchznle-sen. Es gehört auch eine besondere Gabe dazu, dasjenige kurz vor-zubringen, was man weitläufig gedacht hat.

Ich habe noch einen Vorwurf von mir abzulehnen, den Sie mirin dem Schreiben durch Hrn. Joseph zu machen belieben. Sie be-schuldige» mich einer seichten Gefälligkeit für das herrschende System,nnd glauben, ich hätte mir vorgenommen, den Hrn. von Leibnitz vonseiner schwachen Seite nachzuahmen. Ich erkenne in diesem VorwürfeIhre Freundschaft, und gestehe es, daß ich nichts Erhebliches zu mei-ner Entschuldigung vorzubringen habe. Ich bitte aber diese für Sienicht geschriebene Stellen zu übergehen, und mich von den übrigen