Druckschrift 
Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
Seite
37
Einzelbild herunterladen
 

Briefe an Lcssing. 1756. 37

Ihr Urtheil wissen zu lassen. Leben Sie wohl, mein theuerster Les-sing, und wachen Sie beständig auf alle Schritte

Ihres

wahren FreundesMoses .

Alle meine Freunde sind auch die Ihrigen.

Liebster Freund!

Schreiben Sie immer, wenn ich bitten darf, Ihre langen Briefean Hrn. Nicolai. Er hat das Gluck, daß Sie ihm immer die bestenBriefe schreiben. In Wahrheit, der kurze Brief an Nicolai enthältbessere Gedanken, als der lange, der mir zu Theil geworden. Ichschicke Ihnen Ihren Brief mit, weil ich ihn stückweise widerlegen will,aber ich beschwöre Sie, mir ihn wieder zuzustellen. Er soll mir zurDemüthigung dienen; denn er beweiset, welch ein kleiner Gegner ichseyn müsse, daß man sich mit so schlechten Waffen wider mich ver-theidigen zu können glaubt! Zur Sache!

Ich glaube, die jetzigen politischen Begebenheiten haben Sie ver-anlaßt, Bewunderung mit Verwunderung zu vertauschen. Eineunvcrinnthcte Begebenheit, deren Ursache ich nicht ergründen kann,setzt mich in Verwunderung. So verwundere ich mich über denDonner, über die Elektrizität, über die Handlungen eines Menschen,die in seinem moralischen Charakter nicht gegründet zn seyn scheinen,und endlich über Sie, wenn Sie mir eine so fehlerhafte Tistinklioneinbilden wollen. Ich bewundere hingegen einen Menschen, an wel-chem ich eine gute Eigenschaft gewahr werde, die ich ihm nicht zuge-trauet habe, die aber dennoch in seinem sittlichen Charakter gegründetist. Staleno (ein Exempel, das Ihnen bekannt seyn würde, wennSie Ihre eigenen Schriften fleißig gelesen hätten) verwunderte sichAnfangs über seinen Freund Philto, daß er eine Schelmerey hatbegehen können, die mit seinem Charakter gar nicht überciu kömmt.Allein eben der Staleno bewunderte die Gesinnung seines Freun-des, als er ihn auf eine sehr vortheilhafte Art von seiner Unschuldüberzeugte, und verwunderte sich gewissermaßen über sich selbst, daßer so nachtheilige Gedanken hat von seinem Freunde hegen können.

Ist die Religion anders nicht fähig, eine so plötzliche Nerändc-ruug zu verursachen, als Voltaire in dem Gemüthe des GuSmaunvorgehen läßt; so erregt die schnelle Besserung dieses Christen ver-