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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
Seite
38
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Briefe an Lcssing. 1760.

wunderung, und der Dichter ist, wie Sie selbst bemerken, zu tadeln,daß er zwey so wiedersinnige Charaktere in der Person des Gusmaimvereiniget hat. Wäre cS aber der Religion nicht unmöglich, einenMenschen plötzlich zu bekehren, (und dieses ist nach der herrschendenMeinung wenigstens poetisch wahrscheinlich) so erregt der Charakterdes Gusmann Bewunderung, weil die Besserung, die wir ihm nichtzugetrauet haben, dennoch in seinem Charakter gegründet ist. JaIhre eigene Empfindung hatte Sie überzeugen können, daß das Letz-tere seyn müsse; denn wenn die Besserung des EuSmann schlechterdingsseinem Charakter widerspräche, so hätte sie in Ihnen wohl Unwillenüber den fehlerhaften Dichter, aber nicht Schrecken, aber keine sym-pathetische Beschämung mit dem betroffenen Zamor erregen können.Diese Anmerkung gebe ich Ihnen zu bedenken.

Ueberhaupt, eine jede Handlung, die üch mit dem bekannten Cha-rakter der handelnden Person nicht reimen läßt, setzt uns in Vcrwun-derung, uud ist in dramatischen Stucken ein Fehler des Dichters,außer wenn sich die Verwunderung zuletzt in Bewunderung auf-löst, d. i. wenn wir in der Entwickelung solche Umstände erfahren,die die Handlung wirklich wahrscheinlich machen. Ich halte diese Artvon Knoten für die vortreflichste, in welcher die Handlungen einersonst tugendhaften Person mit ihrem Charakter zu streite» scheinen,zuletzt aber alle aus einer O-uclle zu fließen, befunden werden. DieAngehörigen der Clarissa müssen, wie von einem Donner gerührt, da-stehen, als ihre Verwunderung über die widersprechende Aufführungihres ClärchenS plötzlich in eine Bewunderung ihrer siegenden Un-schuld aufgelöst wird.

Ich komme zu meiner Definition von der Bewunderung zurück.Wenn eine vorzüglich tugendhafte Person (Cato) so handelt, daß ergleichsam die menschliche Natur übertrifft, oder wenn ein zweydcutigerCharakter so handelt, daß er uns von seinen Gesinnungen eine bessereMeinung beybringt, so entstehet Bewunderung. Jetzt will ich meineigen Herz untersuchen. Bewundere ich die Gütigkeit des Au-gustus? Ja! und zwar mit Cinna und dem römischen Volke, weilsie dem herrschsüchtigen Kayscr keine solche Sanftmuth zugetrauet ha-ben. Die Reuschheit des Hippolytus? Nein! Die rindlicheLiebe der Chimene? Ja! in so weit ich keinem Frauenzimmer einesolche heroische Gewalt über ihre Leidenschaft zugetrauet hätte.Bisher verträgt sich mein Herz noch ziemlich mit meinem Verstände.Allein ich bewundere auch einen Cato, einen Essex :c. wegen ihrerungcmeinen heroischen Tugenden, und dennoch ist es mir niemahls

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