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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
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39
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Briefe an Lcssiiig. 1756.

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in den Sinn gekommen, ihnen hierin» nachzueifern. Wie geht dieseszu, da doch eine Eigenschaft, die ich bewundere, nothwendig nachah-mungSwürdig scheinen muß? Hier ist der Knoten, den Sie gefunden,aber nicht aufgelöst haben. Ich will mich bemühen, es für Siezu thun.

Alle unsere llrlheile gründen sich entweder auf einen deutlichenLcrnunftschluß, oder auf eine undeutliche Erkenntniß, welche man inSachen, die die Wahrheit angehen, Einsicht, in Sachen aber, diedie Schönheit betreffen, Geschmack zu nennen pflegt. Jene stütztsich auf eine symbolische Erkenntniß, auf die Wirkungen der obernSeclcnkräfte; diese hingegen auf eine intuitive Erkenntniß, auf dieWirkung der untern Seelcnkräftc. Es ist Ihnen bekannt, daß öftersder Geschmack oder die Einsicht (L»ns<2N8) mit der symbolischen Er-kenntniß streiten könne, ja daß die erstere öfters einen größern Ein-fluß in unsern Willen hat, als die letztere. (Ich bin auf einige ganzneue Gedanken von dem Streite der unler» und obern Seelenkräftegckomiiicn, die ich Ihnen ehestens zur Beurtheilung vorlegen werde.)Die theatralische Sittlichkeit gehört nicht vor den Richterstuhl dersymbolischen Erkenntniß. Wenn der Dichter, durch seine vollkom-men sinnliche Rede, unsre intuitive Erkenntniß von der Würde undUuwürdc seiner Charaktere überzeugen kann, so hat er unser» Beyfall.Wir verdunkeln gern die deutlichen Vcrnunftschlüssc, die sich unsrer Illu-sion widersetzen; so wie wir uns vermittelst der Illusion in ein anderKlima, in andre Umstände, und unter andre Menschen versetzen, um dieStärke der Nachahmung recht nachdrücklich zu fühlen. (Ich kannmich hierein nicht weiter einlassen, so lange Herr Ricolai noch nichtZeit hat, die versprochenen Gedanken von der theatralischen Illusionmit mir zn entwickeln.) Weg also mit der deutlichen Ueberzeugungvon der Nichtigkeit eines halsstarrigen Heldcnmuths! Sie kann wederdie Bewunderung noch den augenblicklichen Vorsatz der Nachciferungstöhrcn, wenn der Dichter unsre untern Seelcnkräfte hat einzunchmc»gewußt. Aber sie kann verhindern, daß dieser augenblickliche Wunschnie ziir Wirklichkeit gedeihet, weil nach gccndigtcr Illusion die Ver-nunft wieder das Steuer ergreift. Bey einem Menschen hingegen, dernicht Vorrath von deutlicher Erkenntniß genug hat, der Illusion dieStange zn halten, wird der Wunsch zur Nachciferung anhaltend seyn,und sogar in Thaten auSbrcche». Ei» Beyspiel sey Carl der XII.,und jener Engländer, der sich, nachdem er den Catc hat aufführensehen, ermordete, da man alSdc»» folgende» Spruch bey ihm fand:Wirst (Ätl> lloos anä ^«Illilou gpproves osniiot >>« nrinA.