1>!
Briefe an Lcssing. 1766.
— Jetzt erklären sich eine Menge von Erscheinungen gleichsam vonselbst. Werden Sie mich nun noch wohl fragen können, ob ich glaube,daß die Bewunderung uns mehr zur Nacheifcrnng antreiben kann,als die bloße Betrachtung guter Eigenschaften? Können Sie nun-mehr noch zweifeln, daß die anschauende Erkenntniß der Vollkommen-heit durch die Bewunderung sinnlicher wird, weil sie uns nnvermn-thct überrascht oder weil wir die anscheinende Vollkommenheit in einemsolchen Grade antreffen, daß sie gleichsam über Natur und Schicksalsiegt, und den unerschrockenen Held zeigt, wo wir den gebeugtenunter seiner Last seufzenden Menschen erwarteten? — Also kann unsdie Bewunderung auch solche Handlungen als nachahmungswürdiganpreise», die wir mit der Vernunft für untugendhaft erkennen? hör'ich Sie fragen. — Allerdings! und dieses ist eine von den Ursachen,die Hrn. Nicolai bewog zu behaupten, der Endzweck des Trauerspielssey nicht eigentlich, die Sitten zn bessern.
Jedoch müssen Sie nicht denken, Ihr Mitleiden habe bierinneinen Vorzug vor meiner Bewunderung. Auch das Mitleiden kannuns zu Untugenden bringen, wenn es nicht von der Vernunft regiertwird, von der kalten symbolischen Vernunft, die man gänzlich vondem Theater verbannen muß, wenn man gefallen will.
Ich gehe mit Ihnen in die Schule der alten Dichter, allein wen»wir sie verlassen, so kommen Sie mit mir in die Schule der allenBildhauer. Ich habe ihre Kunststücke nicht gesehen, aber Winkclmann,sin seiner vortreflichcn Abhandlung von der Nachahmung der Werkeder Griechen) dem ich einen feinen Geschmack zutraue, sagt: ihre Bild-hauer hätten ihre Götter und Helden niemahls von einer ausgelassenenLeidenschaft dahin reißen lassen. Man fände bey ihnen allezeit dieNatur in Ruhe (wie er es nennt) und die Leidenschaften von einergewissen Eemüthsruhe begleitet, dadurch die schmerzliche Empfindungdes Mitleidens gleichsam mit einem Firnisse von Bewunderung undEhrfurcht überzogen wird. Er führt den Laokoon z. E. an, den Vir-gil poetisch entworfen, und ein griechischer Künstler in Marmor ge-hauen hat. Jener drückt den Schmerz vortreflich aus, dieser hinge-gen läßt ihn den Schmerz gewissermaßen besiegen, und übertrifft denDichter um desto mehr, je mehr das bloße mitleidige Gefühl, einemmit Bewunderung und Ehrfurcht untermengten Mitleiden nachzusetzen ist.
Ich habe gesagt, wenn die Bewunderung sonst nichts als einRuhepunkt des MitleidenS wäre, so würde es diese Wirkung mit demTode des bedauerten Helden gemein haben; und Sie glaube», ich habegeirrt, weil der größte Haufe das Todlseyn für eine Forldauer des Uebels