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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
Seite
45
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Briefe an Lcsstng. 1757.

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Damit Sie aber nicht glauben, Sie hatten durch Ihren langenBrief gar nichts ausgerichtet; so muß ich Ihnen gleich voran sagen,daß ich in den meisten Stücken völlig Ihrer Meinung bin. Warumnicht in allen? fragen Sie, Geduld! Ich will Ihre Gedanken Stück-weise untersuchen. Gleich im Eingange weisen Sie den beyden tragi-schen Leidenschaften, der Bewunderung und dem Mitleiden, verschie-dene Provinzen an, und wollen, daß jene in dem Gebiete des Hel-dengedichts, dieses aber auf der Schaubühne herrschen soll. Bey die-ser Gelegenheit fragen Sie: Warum wollen wir die Arten derGedichte ohne Noth verwirren, und die Gränzen der einen indie andre laufen lassen? Hier haben Sie ein Lorurtheil zur Schutz-wehr genommen, das Ich Sie selbst so oft habe bestreiten hören.Worauf gründet sich diese eingebildete Gränzschcidnng? In Ansehungder Werke der Natur hat man in dem letzten Jahrhundert ausgemacht,daß sie von ihrer Meisterinn in keine besondern und getrennten Klas-sen eingetheilt sind. Warum wollen wir die Kunst nicht auch hierumeine Nachahmerinn der Natur werden lassen? Hat der Sprachgebrauch,die Autorität der Alten, die Eintheilung der Künste in ihre besondernArten, und tausend andre Vornrtheile, nur solche dramatische Stückemit dem Nahmen Trauerspiel belegt, die vornehmlich Mitleiden er-regen: so können sich die Sprachlehrer an diese Vorschrift halten.Aber die Ncrnunft redet anders; sie zählet eine jede große und wür-dige Begebenheit zu den Gegenständen des Trauerspiels, wenn sienur durch die lebendige Vorstellung eines größern Grades derNachahmung fähig ist. (Siehe bcykommende Gedanken von derästhetischen Illusion.) Schließen Sie also keine einzige Leidenschaft vomTheater aus. So bald die nachgeahmte Leidenschaft uns anschauendvon der Nortreflichkeit der Nachahmung überzeugen kann, so verdientsie auf der Bühne aufgeführt zu werden. Auch der Haß und derAbscheu können, trotz dem Aristoteles und allen seinen Anhänger», aufder Schaubühne gefallen, weil es genug ist, wenn die nachgeahmteLeidenschaft überzeugen kann, daß die Nachahmung dem Urbilde ähn-lich sey. (Ich bitte bcykommende Gedanken vorher zu lesen, bevorSie diese Stelle vcrurthcilen.)

Wir wollen indessen etwas näher zusammen kommen. Ich räumeIhnen ein, daß das Mitleiden uns leichter intuitive illudiren kann,als die Bewunderung. Ich meine, es ist leichter, uns durch ein nach-geahmtes Mitleiden zu überführen, daß die Nachahmung dem Urbildeähnlich sey, als solches durch die Bewunderung zu bewerkstelligen.Gestehen Sie mir aber auch, daß sich die Kunst alsdann in ihrem