Briefe an Lessing. t767. 5-5
Physik einschlagen, so sehr an einander hangen, daß man niemandenvon seiner Meinung überführen kann, wo man nicht beständig mit ihmnmgeht, und einen Punkt nach dem andern vornimmt. Ja, man mußes au Wiederholungen nicht fehlen lassm. Sonst wird es dem Gegnernie an Mitteln fehlen, den Streit von einer Materie in die anderebis inS Unendliche zu führen. Der Streit zwischen Rl<,rk und Leib-niy würde vielleicht noch dauern, wenn nicht der Tod ihr Schieds-richter gewesen wäre.
Kurz, ich habe bey mir beschlossen, wo es nicht mit Lcsstng ge-schehen kann, mich sonst i..it niemanden in einen Streit über philoso-phische Materien einzulassen. Ihre Rechtgläubigen haben immer einegroße Rücksicht auf die geoffenbarte Religion, die mir einer Hinterlistähnlich sieht, und ihre Zweifler und sogenannten Freygeister sind vol-lends nicht auszustehen. Ich hatte mir einen ganz andern Begriff vonder Welt gemacht, als ich sie blos aus den Büchern und aus demCharakter eines LcssingS kannte. Ich erstaune, wenn ich die Machtbedenke, die das Vorurtheil über die Gemüther hat. ES ist kein Theilin der Weltwciöheit, keine Wissenschaft überhaupt, die nicht mit dengröbsten Vorurtheilen von der Welt in einem Subjekt sollte bestehenkönnen. Ein jeder sucht die Wahrheiten, die ihm bekannt sind, sogut mit seinen LicblingS-Vorurtheilen durcheinander zu weben, als erkann; und wenn er sich eine Zeitlang an seinem Gewebe vergnügt hat,so glaubt er sein System auf Gründe gebaut zu haben.
Wozu dieses Geschwätze? werden Sie fragen, indem Sie vielleichtschon müde sind zu lesen. — Ich weiß es selbst nicht so recht deutlichzu erklären, wie ich auf diese Gedanken komme. Indessen sind diesesdoch wirklich die Gründe, die mich zuweilen ziemlich verdrießlich ma-chen, und die mich zu dem Entschlüsse gebracht haben, außer Lessing und Nicolai keinen Freund zu suchen, und sogar alle Bekanntschaftaufzuheben, die ich gemacht hatte. Hätte ich fortgefahren, Menschenkennen zu lernen, so hätte ich vielleicht angefangen, auch ihre Schrif-ten nicht mehr zu lieben.
Genug für diesesmahl, weil ich heute noch nicht aufgelegt bin,meine Gedanken zu rangiren. Leben Sie also wohl, mein bester Freund!Berlin ,
den 29. April 1747. Moses.
N- S. ES dauert mich, daß dieser halbe Bogen unbeschrieben blei-ben soll. Was schreibe ich sogleich her, daS mich nicht viel Mühekostet?---Hier ist waS! Zu Anfange des Winters hatte ich an